Prolog

Der schönste Tag meines Lebens

PROLOG:

Heute war einer dieser Tage, die sie Hasste. Das Wetter war unpassender Weise sonnig und der Himmel so blau wie er in einem Bilderbuch gemalt war. Widerlich leuchtend blau! Es sah aus wie in einer Friede-Freude-Eierkuchen-Geschichte. Die zwei Schönwetter-schäfchen-wolken machten das Bild komplett. Fehlt nur noch, dass gleich ein Prinz kommt und seine geliebte Prinzessin heiratet. Sie dachte es und verwünschte wie immer an so einem Tag die ganze Welt. Tatsächlich bog nun noch ein Pärchen um die Ecke, Eng umschlungen lächelten sie sich gegenseitig und auch sie an. Sie spuckte auf die Straße und wandte ihnen den Rücken zu. Und sie hasste Tage wie diesen. Früher hatte sie sie gemocht. An solchen Tagen war sie immer fröhlich gewesen. Wenn morgens die Sonne in ihr Zimmer schien und sie „wachkitzelte“, - sie hatte immer dieses alberne Wort verwendet -, war sie begeistert gewesen. Dafür ist sie sogar früher aus dem Bett gesprungen und hatte ihre Freundin Jess angerufen, die sonst schon aus dem Haus war, wenn sie selbst aufstand. Jess wohnte noch weiter außerhalb als sie und musste daher mit dem einzigen Bus, der morgens von  ihrem Dorf aus in die Stadt fuhr, fahren, der nun mal zu unmenschlich früher Zeit fuhr. Sie dagegen war ortsansässig und konnte mit den U-Bahnen der Stadt zur Schule fahren. Sie spuckte wieder auf die Straße und als die alte Frau auf der anderen Straßenseite sie ganz empört und schockiert anschaute, schnitt sie ihr eine Grimasse. Wenn die wüßte, was mit mir los ist, würde sie mich nicht mehr so anschauen. Plötzlich überkam sie wieder dieses Gefühl, ähnlich einer Vorahnung. Sie schaute sich um und ging unwillkürlich schneller. Ein Auto kam auf sie zu, sie blickte auf und sah drei junge Männer in dem Auto sitzen. Das Tempo wurde von dem schwarzhaarigen höchstens 19-jährigen Fahrer gedrosselt und das Fenster heruntergekurbelt. In diesem Augenblick sah sie ihn im Fond sitzen. Er trug seine übliche schwarze, schlichte Jacke, seine braunen Haare bildeten einen kleinen Wirbel oberhalb der linken Stirnhälfte, den er trotz der großen Menge an Haargel nicht wegbekommen hatte. Er lümmelte sich mit einer Bierflasche auf dem Rücksitz und stieß einen Rülpser aus, als er sie sah. Er erkannte sie, schließlich war sie als die beste Freundin seiner Schwester oft bei seiner Familie gewesen. Sofort nach dem Rülpsen fand sein Mund eine neue Tätigkeit :auf seinem Gesicht, sie würde lieber Visage sagen, aber sie musste widerstrebend zugeben, dass sein Gesicht keineswegs eine Visage war, eher im Gegenteil, breitete sich ein hämisches Grinsen aus. Er bedeutete dem Fahrer noch langsamer zu fahren. Sie dagegen ging noch schneller. Auch das Auto paßte sich jetzt ihrem Tempo an. Was wollten die schon wieder von ihr? Sofort wurde sie angepöbelt, als ob ihre Frage gehört worden wäre. „Na Süße, alles klar?“, fragte Jess‘ Bruder und kurbelte nun auch das hintere Fenster herunter. Sie schaute sich nach einem Fluchtweg um. Sie haßte es ständig auf der Flucht zu sein. Aber ihr blieb nichts anderes mehr übrig nach dieser einen Sache. Mittlerweile war sie schon richtig gut im „Plötzlich-Verschwinden“. Sehr schnell machte sie einen versteckten Winkel ausfindig und verschwand. So auch dieses Mal. Vor Autos zu verschwinden war auch einfacher, denn da brauchte sie nur in eine Gasse zu gehen, die für Autos zu schmal war, früher hätten sie keine zehn Pferde dazu gebracht in diesem Elendsviertel länger als nötig zu bleiben. Heute war sie lieber hier als auf dem normalen Weg. Sie kannte diesen Stadtteil genau und so wußte sie, wann sich ihr die Möglichkeit bot zu verschwinden. Doch gerade als sie aus der Gasse wieder auftauchte, blickte sie in den Himmel und das leuchtende Blau stach ihr in die Augen. Sie hörte es hupen und reflexartig sprang sie zur Seite. Das Auto bremste und schleuderte ein wenig, aber der Fahrer hatte es schnell wieder unter Kontrolle. Schon wieder die! Sie bekam Panik. Du mußt ruhig bleiben! Als du damals nicht ruhig geblieben bist und nicht skeptischer gewesen warst, hat diese Sache doch erst angefangen! Ach ja, und diese Selbstgespräche haben da auch angefangen. Naja, die lenken sie ja immerhin z. B. davon ab, was die Jungen zu ihr gerade gesagt hatten. Schnell verschwand sie zum zweiten Mal. Sie hockte sich hinter einen Container. Diesmal wollte sie sicher gehen, dass sie sie nicht wiederfanden. Sie schaute zum Himmel und er war. wie sie erwartet hatte, immer noch blau. Wenigstens zogen jetzt ein paar richtige Wolken auf, die das Schönwetter-Bild trübten. Konnte sie es  riskieren jetzt herauszukommen? Mußte sie ja, schließlich mußte sie ja nach Hause. Vorsichtig schaute sie über den Container. Die Luft war rein. Mit einem Blick nach oben flüsterte sie : Bitte laß sie weg sein! Schließlich ging sie aus der Gasse heraus. Langsam ging sie die einsam verlassene Straße hinunter und kickte einen Stein vor sich her. Sie haßte es alleine zu sein, denn dann mußte sie immerzu an die Sache denken, die ihr Leben veränderte. Aber noch schlimmer war es, wenn irgendjemand bei ihr war, der von der Sache etwas wußte. Eigentlich waren es ja Sachen, aber da alles auf einer Sache basierte, nannte sie es der Einfachheit halber die Sache. Reifen quietschten und sie rannte und rannte. Sie wußte nicht wohin oder wie lange sie rennen wollte, aber sie wußte, daß sie es nicht mehr aushielt. Sie rannte und rannte. Rennen, rennen! Es war wie verflucht, sie haßte ihr Leben.
Plötzlich kam sie ans Meer und alle Leute, die etwas wußten, hatten sie verfolgt. Sie schrie und schrie. Und sie wollte vor ihnen entkommen, vor ihnen wegrennen.
Sie kamen aber immer näher und sie wurde immer langsamer. Sie warf sich auf den Boden, rollte sich ein wie ein Igel und umschloß ihre Knie mit beiden Armen. Sie schloss die Augen. Aber sie öffnete sie sofort wieder und sah wie sie alle auf das Meer und sie zurannten. Die ersten waren nun bei ihr angekommen und wollte sie anfassen. Wenn sie alle sterben würden, wären das der schönste Tag meines Lebens! Früher hätte sie sowas nie gedacht. Sie riefen nach ihr:
RENA! 

23.12.06 18:09

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