2.Kapitel

Entscheidungen

 

Es gibt immer

Etwas

Was zu entscheiden ist

Doch ich

Kann es nicht

Selber tun.

 

Es ist immer

Etwas

Was ich kaum beeinflussen kann

Obwohl ich

Es immer gerne

Tun würde.

 

Es ist immer

Dinge

Die niemand entscheidet

Unglück

Oder Schicksal

 

ich weiß es nicht.

 

Heute ist es ein Tag nach der Nachricht von meinem erneutem Wechsel. Nachdem ich gestern noch so wütend war, dass ich mich geweigert habe zum Abendessen zu erscheinen und mir dafür nachts einen Imbiss genehmigt habe, war ich heute einfach nur enttäuscht. Ich hatte die ganze Nacht Zeit um nachzudenken, denn ich musste erst einmal stundenlang darauf lauschen, ob meine Mutter ins Bett geht und dann einschläft. Danach konnte ich stundenlang wegen des vollen Magens nicht einschlafen. In der Zeit, die ich dadurch zum Nachdenken hatte, bin ich wie immer zu dem Schluss gekommen, dass es besser ist die Sache einfach zu aktzeptieren, selbst wenn es schwer fällt. Dieses dauernde „Aktzeptieren müssen“ ist noch viel schlimmer als das Geschehen an sich. Stellt euch vor, ihr seid gefesselt an den Händen, geknebelt und taub und seid in einem Raum, in dem euch irgendwo jemand auflauert, aber ihr wisst nicht wo. So wehrlos komme ich mir bei so einem Wechsel vor. Ich weiß nicht, was genau dieser jemand, der mir etwas antun will, mir antun wird, weiß nicht wann und wie ich mich schützen kann oder muss. Am Anfang einer jeden von diesen oder ähnlichen Situationen kann ich diese Wehrlosigkeit noch nicht annehmen, aber dann finde ich mich langsam damit ab. So auch dieses Mal. Ich habe mich auf die Galgenfrist von fünf Wochen eingestellt und muss mich dann irgendwie damit abfinden. Das es besser oder zumindest anders wird, daran glaube ich ehrlich gesagt nicht. Sie lassen sich einfach nichts Neues einfallen.

Das ist ja gerade das Schlimmste!  Man erlebt jedes Mal den gleichen Mist und weiß automatisch, was als nächstes passieren wird. Und obwohl ich zu Hause immer wieder übe, etwas zu entgegnen oder es wenigstens zu ignorieren, gucke ich sie im Falle des Falles nur entgeistert und hilflos an. Naja, wenn es etwas wie ein Schicksal gibt, ist das meins. Heute sitze ich wieder auf dem Balkon und versuche zu lesen. Doch meine Gedanken schweifen immer zu meinem erneuten Unglück ab. Eigentlich wollte ich diesen Sommer einfach nur entspannen...

Statt dessen würde mir die ganze Zeit der Gedanke an meine neue Klasse keine Ruhe lassen. Langsam lege ich mich in meinem Stuhl zurück denn das Buch werde ich heute sowieso nicht mehr lesen. Wisst ihr , was mir jetzt noch fehlt?

„Schätzchen, komm mal her!“ Genau das!  „Was denn?“ Ich hasse das immer, wenn sie (meine Mutter) mir etwas aufgezwungen hat, versucht sie sich spätestens an nächsten Tag wieder einzuschleimen. Natürlich ist es auch dieses Mal nicht anders. „Ich komme“, rufe ich mehr oder weniger schicksalsergeben. Ich gehe zu unserer Balkontür. Meine Mutter saß wie erwartet am Couchtisch und studierte eine von diesen „Wie verändert man eine Frau in der MidlifeCrises so, dass sie sich wie 20 fühlt, aber weiterhin aussieht wie 50“-Magazinen. „Weißt du, was ich hier drin gelesen habe?“ „Nein, aber du wirst es mir sicher in ca. 2 Sekunden sagen.“ Sie schaut mich beleidigt an, aber sie kann trotzdem nicht über ihren Schatten springen und liest mir einen Artikel mit der vielversprechenden Überschrift „ Der Kampf der Jugend gegen Akne“ vor. Ich habe kaum zugehört. In diesen Artikeln stehen sowieso immer dieselben alten Hausfrauenweisheiten drin, die sich irgendein einfallsloser Schreiberling irgendwann einmal ausgedacht hat und die alle anderen Zeitschriften in leicht abgeänderter Form immer wieder abdrucken. Dazu noch ein oder zwei neue Methoden und schon ist ein Artikel über Jugendliche und Akneprobleme für Frauen geschrieben, die über dieses Alter schon ungefähr 20 Jahre hinaus sind. Diese zerreißen sich dann gemeinsam darüber die Mäuler, dass mit einem Bisschen Pflege jeder Jugendliche aussehen kann wie ein Babygesicht. Wenigstens konzentrieren sich diese Magazine nicht nur ausschließlich auf die „Jugendrettung“. Auch andere weltverbessernde Themen wie z. B. „Woran erkennt man das Hautcremes nicht mit Tierversuchen auf Verträglichkeit getestet wurden?“ oder “Wie vermeide ich Orangenhaut an den Oberschenkeln?“. Das Beste sind natürlich die Leserbriefe, die man nach dem Studieren von einigem Material übersetzen kann. Wenn eine Frau Müller aus Mühlheim beispielsweise darüber klagt, dass sich bei ihr langsam Krähenfüße um die Augen bilden, heißt das, dass ihre Fältchen in Wirklichkeit Falten sind. Und in denen können wahrscheinlich vierjährige Kinder problemlos Verstecken spielen. Oder Frau G. aus O. klagt darüber, dass sie keinen Mann mehr abbekommt, obwohl alle ihre Freundinnen sagen, dass sie sehr hübsch und nett sei. Diese Freundinnen sehen dann wahrscheinlich aus wie aus grauen zerbrökelndem Gestein gehauen und Frau G. sieht nur aus wie aus grauem Gestein gehauen. Sie ist sozusagen der Drakula gegen ihre Frankensteinfreundinnen. Ich höre jetzt auf davon, erstens, weil es gar nicht wert ist sich darüber aufzuregen. Zweitens, weil meine Mutter mich schon zum dritten Mal etwas fragt und ich nicht zugehört habe. Und ich habe echt keine Lust gleich meine heulende Mutter trösten zu müssen. Das passiert nämlich in letzter Zeit öfter. Gut, ihr ist vor zwei Wochen gekündigt worden, ich bringe nur noch schlechte Noten mit nach Hause und zeige keinen großen Respekt vor ihr. Ihr Bild von mir, dem superschlauen, lernwilligen und braven Kind, ist gehörig ins Wanken geraten. Ich schaue sie an und erzähle ihr irgendetwas nach dem Motto, dass ich so intensiv über den Artikel nachgedacht habe, dass ich ihre Frage nicht verstanden habe.  So ganz glaubt sie es mir wohl nicht, aber sie will es gerne glauben und so tut sie es jetzt auch. Woher ich das weiß? Zum einen, weil sie einer von diesen Menschen ist, denen man ihre Stimmung aus dem Gesicht ablesen kann, des Weiteren, weil ich sie teilweise besser kenne , als mir lieb ist. „Ich habe gefragt, warum du gestern so sauer warst. Du kannst doch froh sein, wenn du aus der Klasse herauskommst, in der du dich unwohl gefühlt hast...“ „...um in die nächste Klasse zu kommen, die mich verspottet?“ „Du musst nicht immer so negativ denken, mein Sch....es kann doch auch ganz anders kommen.“ Das ist ja schon ein Fortschritt, sie hat sich das „Schatz“ verkniffen. Dann werde ich ihr auch einmal ein bisschen entgegenkommen. „Mama, ich werde mein Bestes geben, okay?“ „Ja, mein Schatz. Das ist gut.“ Wie konnte ich nur so naiv sein und glauben, dass diese Frau ihre jahrelangen Gewohnheiten ablegt. Langsam gehe ich aus die Tür zum Flur zu. „Wo gehst du hin? Ich dachte wir sitzen noch eine Weile zusammen und plaudern?“ Ich drehe mich um, verdrehe die Augen und antworte zögernd:  „Ähmm...ich wollte ein bisschen Musik hören, sei nicht böse, aber ich habe schließlich auch Ferien. Ich werde in der Schule schon die ganze Zeit von dem Schulpsychologen vollgelabert und von deiner Freundin Marie.“ „Marie ist eine gute Therapeutin und ich habe dir auch für morgen wieder einen Termin bei ihr gemacht.“ „Warum das denn? Ich habe doch ganz vernünftig auf den Vorschlag oder eher die Vorbestimmung meines Klassenwechsels reagiert!“ Wütend starre ich sie an und meine ein kleines Lächeln in ihren Mundwinkeln zu erkennen, das sich jetzt  in ein hämisches Blitzeln in den Augen verwandelt. „Hast du ja auch......“ „ABER?“ „ Ich hatte ja keinen Termin gemacht, aber an deiner Reaktion eben habe ich erkannt, dass ich einen machen muss! Tut mir leid!“ Tut's dir gar nicht! Ohne eine Wort zu sagen renne ich türschlagend aus dem Zimmer und drehe meine Anlage auf, nachdem ich auch meine Zimmertür zugeschlagen habe. Ich hasse diese Frau! Wie konnte ich sie vor noch ungefähr zehn Minuten für vernünftig, verständig und umgänglich halten? Diese Frau ist eine hinterhältige Furie. Als ob ich nicht schon genug Probleme hätte! Zusätzlich schickt meine Mutter mich auch noch zu einem Therapeuten. Auch noch zu einem, der gar keiner ist und sich das nur einredet. Wenn das meine neuen Mitschüler erfahren, kann ich die positiven Gedanken, die ich laut meiner Mutter haben soll, gleich in den Wind schießen! Wahrscheinlich haben meine lieben ehemaligen Klassenkameraden meinen lieben neuen Klassenkameraden schon alles bis ins kleinste Detail über mich erzählt. Kameraden sind sie wohl eher nicht, höchstens Mitschüler. Selbst meine Musik bringt mich nicht auf bessere Gedanken. Kein Wunder, man kann sie auch nicht genießen, wenn ständig jemand gegen den Takt an meine Decke oder an meinen Fußboden klopft.  Jetzt hämmert auch noch meine Mutter an der Tür. Zum Glück habe ich vor lauter nicht vergessen die Tür abzuschließen. Das mache ich sowieso fast automatisch seit ungefähr einem halben Jahr oder so. Jetzt schreit sie irgendetwas, was sich anhört wie „Maschte mah daä Muschik leihzer“, wenn man das störende Hämmern und die Morsezeichen unserer Nachbarn herausfiltert. Es soll wahrscheinlich heißen, dass ich die Musik leiser machen soll, aber das stört mich nicht. Ich drehe noch lauter und höre dann  auch das Klopfen nicht mehr. Ich lege mich auf mein Bett und verschränke die Arme unter meinem Kopf. Endlich kann ich mich entspannen, was man wohl von diesen lärmenden Klopfspechten nicht sagen kann, sei denn, sie tun so etwas zur Entspannung. Da das aber eher nicht so ist, eher im Gegenteil, trägt das wiederum zu meiner Entspannung bei. Langsam fallen mir meine Augen zu, obwohl es erst Mittag ist, aber in den Ferien schlafe ich öfter mittags, das Nichtstun macht schläfrig. Nach einer Weile, es könnten auch Stunden oder Minuten sein, wache ich auf, weil es unangenehm still ist bis auf ein Geräusch, das klingt wie ein Bär im Winterschlaf, der Asthma hat. Vorsichtig setze ich mich auf und öffne dann erst langsam die Augen. Sofort geht eine Beschimpfungstirade los, die alle Register zieht. Ich höre überhaupt nicht zu und überlege stattdessen, sie meine Mutter hereingekommen ist. Die einfachste Erklärung wäre ein Ersatzschlüssel, aber wieso hat sie den noch nie benutzt? Die zweite Möglichkeit wäre...Ja, so war es. Sie hat mit einer ihrer Akupunkturnadeln die Tür aufgeschlossen. Denn außen vor der Tür liegen mehrere dieser nadeln in verschiedenen Formen, Größen und Farben. Mist, wenn sie nicht wüsste, dass ich immer so tief schlafe, hätte sie das nicht gemacht aus angst davor, dass ich mitten in ihrer Arbeitsphase störe und sie von ihren weiteren Versuchen abhalte. Ich muss mir mal angewöhnen den Schlüssel steckenzulassen. Ich lehne mich gegen die Wand und schließe die Augen, obwohl das natürlich die Folgen hat, dass die Strafpredigt verlängert wird. Die Zusätze oder auch Zugaben sind Sätze wie „Du musst lernen anderen zuzuhören“ und so weiter. Als meine Mutter auch mit diesen Zugaben fertig ist und merkt, dass ich ihr überhaupt nicht zugehört habe, versucht sie es mit ihrer neuen Masche: heulen!

erst geht sie langsam hinaus an den Kuschelbären vorbei, streichelt das Tier ohne das ich früher nicht einschlafen konnte, seufzt, geht zur Tür, öffnet sie langsam. Sie öffnet sie immer Stück für Stück und schleißt sie vor ihren Heulattacken auch wieder genauso langsam, um mir die Chance zu geben sie noch zurückzuhalten. Das tue ich auch manchmal, wenn ich keinen Bock auf ihr Heulbojengejammere habe. Doch heute ist mir das egal. Jetzt ist meine Tür zu. Sie geht dann immer noch relativ langsam über den Flur und ihre Augen füllen sich langsam mit Tränen und sie fängt schon an heftig zu schluchzen. Das weiß ich, weil ich bei einem ihrer ersten „Anfälle“ sie, als sie im Flur war, durch die leicht geöffnete Tür beobachtet und das gesehen habe. Krach! Jetzt hat sie ihre eigene Tür zugeschlagen, denn wenn sie da ist, kann sie die Tränen kaum zurückhalten und muss such beeilen. Und dann geht es richtig los. Sie fängt an zu heulen und damit meine ich eine Art jammernder Gesang. Ohne Musik oder Geräusche unmöglich zu ertragen. Ich greife nach der Fernbedienung und drücke auf den Einschaltknopf und lege mich entspannt zurück. aber ich höre nichts. Ich schaue unwillkürlich auf meinen Wecker, denn in unserer alten Wohnung ist immer einmal in der Woche um 15.00 Uhr der Strom ausgefallen. Dann aber rufe ich mir in Erinnerung, dass wir schon seit 3 Jahren da nicht mehr wohnen. Abe wieso geht die Anlage nicht an? Ich geh zum Fernseher und versuche ihn anzuschalten, aber auch hier passiert nichts. Was ist denn hier los? Nach und nach versuche ich alle elektronischen Geräte in meinem Zimmer anzuschalten und dann passiert nichts. Jetzt erklärt sich auch, warum sie sich noch nicht in ihre Heultrance versetzt hat. Wahrscheinlich lacht sie sich jetzt kaputt, weil ich wie eine Blöde versuche meine Geräte anzuschalten. Ich geh in den Flur und das dort das Licht angeht, bestätigt meine Ahnung. Sie hat mir den Strom abgeschaltet, aber was sie kann, kann ich auch. Langsam schleiße ich meine Zimmertür so leise wie möglich. Ich schleiche über den Flut zur Haustür. Da wir im Erdgeschoss wohnen, ist gleich neben unserer Haustür die Tür zum Keller. Und in diesem ist auch der Schaltkasten für das gesamte Haus. Ich lehne unsere Tür an und öffne die Kellertür. Eigentlich hasse ich diesen Keller, aber um mich zu rächen, nehme ich (fast) alles in Kauf. Mit spitzen Fingern packe ich die Türklinke an und schleiße sie. Dabei entdecke ich eine superfette Spinne. Am Besten gehe ich schnell herunter und bringe die Sache hinter mich. Obwohl die Treppe total krumm getreten ist und man ganz leicht die Stufen herunterfallen kann, packe ich das Treppengeländer nicht an. Das ekelt mich nämlich wie alles andere hier an. Da, ist der Kasten. Igitt, heute nacht hat wieder ein Obdachloser hier unten gepennt und sich genau vor dem Sicherungskasten entledigt. Mit einem großen Schritt steige ich über den dunklen Fleck und  trete in die nächst Scheiße im wahrsten Sinne des Wortes. Diese Mäuse oder sind es Ratten !?! Lieber nicht so genau darüber nachdenken. Jetzt klemmt auch noch dieser blöde Kasten. Okay, jetzt ist er auf. ‚h, wo steht’s denn....Aha... da ... Familie Mitchell. Der ungeklappte Hebel gehört zu meinem Zimmer. Jetzt weiß ich nicht mehr, ob ich meine Anlage ausgeschaltet habe oder nicht. Scheiße! Nochmal hochzugehen und zu gucken ist zu riskant, dann bemerkt meine Mutter garantiert, dass ich unten im Keller war, wenn sie es bis jetzt noch nicht gemerkt hat. Augen zu und durch. Ist sowieso besser, denn gerade seilt sich eine Spinne direkt über mir ab. Ich lege den Hebel um und man hört nichts. Also ist meine Anlage schon mal ausgeschaltet gewesen. Drückt mit die Daumen, dass ich auch mein Licht ausgeschaltet habe. Ich lege die restlichen Hebel um und schleiche mich hoch und unentdeckt in mein Zimmer zurück. Mein Licht war auch aus. Gut, mal sehen. ob sie mir den Stromausfall abkauft. „Schatz, wo bist du ? Weißt du wo die Kerzen sind. Der Strom ist ausgefalllen.“ Okay, dass sie mir den Stromausfall abgekauft hat, ist mir so ziemlich klar gewesen, aber warum sie am hellichten Tag eine Kerze anzünden will, ist mir schleierhaft. Fehlt nur noch, dass sie mit den Kerzen fernsehen will.

23.12.06 18:11

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