1.Kapitel

Erstes Kapitel

Dies ist meine Geschichte. Wenn ich sie nicht selbst erlebt hätte, sondern gelesen hätte, hätte ich wahrscheinlich nur mit dem Kopf geschüttelt. Aber ich habe diese Geschichte selbst er- und durchlebt. Ich habe mich in meinem Leben immer gut gefühlt. Und sicher. Wahrscheinlich genauso wie Du dich gerade fühlst. Ich will damit nicht sagen, dass du in genau so einer scheinheiligen Idylle lebst wie ich in einer gelebt habe. Ich will dir einfach nur vorher sagen „Pass auf mit wem und auf was du dich einlässt!“, damit du nachher nicht im Falle eines Falles aus allen Wolken fällst. Das schlimmste daran war, dass ich gar nicht bemerkt habe, dass ein großes Unglück geschieht. Es kam in kleinen, kaum merklichen Schritten. Wahrscheinlich habe ich sogar etwas bemerkt, aber es ignoriert. Ich glaube, ich habe es sogar bemerkt. Aber jetzt komme ich mal zu meiner Geschichte, ich höre mich ja an wie meine eigene Mutter bei ihren Standpauken.

Es beginnt an einem heißem Sommertag im Juni. Es ist kurz vor den Ferien und kaum einer der Schüler, Lehrer oder der anderen Menschen hat etwas zu tun, alle warten sie auf die Ferien, ihre freien Tage und auf ihren Sommerurlaub. Genauso geht es auch mir, nur, dass ich nicht wegfahre, sondern mich bei uns auf dem Balkon dem Gemisch aus Smog und Luft aussetzen muss, um wenigstens leicht braun zu schimmern am Ende der Ferien. Alle werden wie üblich von ihrem tollen Urlaub erzählen und was sie alles unternommen haben. Und ich? Ich sitze daneben, sage nichts, weil ich keinen Bock auf Bemerkungen nach dem Motto „Können sich deine Eltern das nicht leisten? Oder ist es weil du `ne drei auf dem Zeugnis hast?“. Wer unsere Klasse kannte, wusste, dass sie so ziemlich die schlimmste auf unserer Schule ist. Und sie waren noch stolz darauf. Das hört sich jetzt vielleicht albern an, aber besonders in meinem Fall kann ich da nicht mehr darüber lachen. Wenn ihr schon einmal von einer ganzen Klasse fertig gemacht wurdet, dann stellt euch das erst einmal für euer ganzes Leben vor. Dann habt ihr ungefähr eine Vorst4ellung wie es mir geht. Das sage ich jetzt nicht nur, weil ich einen schlechten Tag habe, am besten mache ich das mal mit einem kurzen Rückblick deutlich:

Ich bin im Moment 11 Jahre alt, ihr könnt euch also ausrechnen, wann ich geboren wurde. Meine Mutter hatte nur einen kurzen Mutterschaftsurlaub genommen und ist schnell wieder arbeiten gegangen.

Warum genau, hat sie mir Auch nicht erklärt, wahrscheinlich wollte sie nicht den ganzen Tag zu Hause bleiben. Wenn ich es mir genau überdenke, fällt mir ein, dass sie auch etwas in der Richtung gesagt hatte. Ich will meiner Mutter ja keine Vorwürfe machen, aber anscheinend hat sie nicht mitbekommen, dass die ersten drei Jahre die wichtigsten für die zukünftige Entwicklung des Kindes sind. Und irgendwie hat ihr Fehler auch dazu beigetragen, dass das, was passiert ist, eben so gekommen ist. Vielleicht auch nicht. Schließlich bin ich nicht objektiv genug um das zu beurteilen. Eigentlich habe ich das von den Leuten, die sich jetzt um mich kümmern. Irgendwie klingt das ja gemein: Die Tochter beschuldigt ihre eigene Mutter bei ihrer Erziehung etwas falsch gemacht zu haben. Aber, wenn ihr dieses Buch gelesen habt, denkt ihr vielleicht anders darüber.

Als ich dann in den Kindergarten gekommen war, war ich immer das letzte Kind, das abgeholt worden ist. Meine Kindergärtnerin, Tante Lola, stand immer schon mit mir am Tor der Tagesstätte, mit den Schlüsseln in ihrer Hand ungeduldig klappernd und alle zwei Minuten auf die Uhr schauend. Sie hielt mich an der Hand und ich fühlte mich immer gründlich unwohl. Irgendwann wurde ich immer abgeholt. Nur es wurde jedes Mal später und irgendwann brachte mich meine Mutter mit den Worten „Mein Schätzchen muss jetzt einmal eine andere Tante Lola kennenlernen“ zu einem anderen Kindergarten im Norden der Stadt. Damals verstand ich noch nicht warum ich immer aus den Kindergärten flog, aber ich nahm es einfach hin und lernte einfach eine neue „Tante Lola“, „Frau Susie“ oder wie sie auch alle hießen, kennen. Später erkannte ich, das etwas mit mir nicht stimmen konnte, weil ich immer wieder von einem vertrauten Ort weg musste.

Es hängt mir bis jetzt immer no0ch nach, alle sagen zwar, dass es die Schuld meiner Mutter war, aber nachdem ich es mir jahrelang als meine eigene Schuld eingeprägt habe, hilft mir diese Aufmunterung nicht.

Noch schlimmer als im Kinderhort wurde es für mich in der Schule. Während meine Klassenkameraden in der 1. Und 2. Klasse einfach aus dem Weg gingen, fingen sie in der dritten Klasse schon mit Beschimpfungen an: „Die stinkt zu der will ich nich!“ In der 4. Schließlich begann es noch schlimmer zu werden. Wenn ich in die Pause ging, gingen mir alle aus dem Weg. Wenn sie dann zu Ende war, fehlte mir entweder ein Stift, mein Lineal war zerbrochen oder meine Hefte und Bücher waren vollgeschmiert mit Sätzen wie „Du stingst!“, „Aschloch!“ oder ähnlichem. Ich habe mich aber nie getraut jemanden davon zu erzählen, schließlich war ich ja an allem selber schuld.

Als ich in die fünfte Klasse kam, ging ich auf ein Gymnasium. Dort fingen meine Klassenkameraden nach einer Weile an, mir ein Bein zu stellen, mich anzuspucken oder Streber zu nennen. Eines Tage wurden meine Mutter und ich zu einem Gespräch eingeladen. Es ging darum mich eine Klasse überspringen zu lassen. Wie immer hörte meine Mutter nicht zu oder ihr war es egal. Jedenfalls stimmte sie der Lehrerin zu....

... und wieder einmal lief etwas in meinem Leben total schief.

Ich konnte meine alten Klasse zwar nicht gut leiden oder eher gesagt, weil sie mich nicht leiden konnte, blieb mir auch keine Möglichkeit sie jemals „leiden zu können“, aber in eine höhere Klasse wollte ich erst recht nicht. Zumal sich deine Freundschaft zwischen mir und Karolin, einer Mitschülerin, anbahnte.

Seit meiner jüngsten Kindheit bedeute ein Wechsel, egal, welcher Art, immer etwas Schlechtes für mich und das hätte sich in mein Unterbewusstsein ebenfalls eingeschlichen. So sagt das jedenfalls meine Therapeutin. Eigentlich ist sie ja keine richtige Therapeutin, aber sie ist eine Freundin meiner Mutter und hat viel Ahnung von „positiver“ Energie, einem guten Karma etc.  Zusätzlich zu meinem Unterbewusstsein kann ich mir auch sehr gut vorstellen, dass eine „superintellektuelle“ 1 Jahre jüngere Mitschülerin nicht sehr beliebt sein würde. Meine Mutter hat mich zwar gefragt, ob ich eine Klasse überspringen wollte, aber schließlich „ wurde“ ich einfach eine Klasse übersprungen. Und es kam auch so wie ich es mir gedacht hatte, keiner konnte mich in der neuen Klasse leiden. Es war alles normal. Eigentlich war es noch schlimmer, aber am Anfang konnte ich mich wenigstens noch in der Arbeit vergraben, die ich hatte, weil ich die übersprungene Klasse aufholen musste. Ehrlich gesagt habe ich da überhaupt kaum etwas mitbekommen, war zwei Monate lang aus der Welt ausgeklinkt. Doch dann brach es wie ein –Hammer auf mich ein. Im Gegensatz zur Grundschule und zur fünften Klasse wurden hier schlimmere Sachen gegen mich „veranlasst“. Die Schüler hatten ihren Spaß darin mir bei Arbeiten Spicker unterzuschieben, mich wegen allem, was ich nicht getan hatte zu verpetzen und mich nach de Schule regelmäßig durch die Stadt zu jagen. Wenn sie mich einmal hatten, verprügelten sie mich. Damals habe ich angefangen zu lernen wie man schnell verschwindet. Meiner Mutter habe ich immer gesagt ich hätte einen Fahrradunfall gehabt. Jedesmal. Sie hat es nicht bemerkt, nur einmal hat sie gesagt: „Fahr lieber mal ein bisschen vorsichtiger, Schätzchen!“ Nachdem ich im Zeugnis trotzdem gute Noten bekommen hatte und die Lehrer mich immer als leuchtendes Vorbild hinstellten, hatte ich noch mehr „Fahrradunfälle“ als sonst. Dabei habe ich gedacht das sei schon das höchste aller Gefühle gewesen. Sie verprügelten mich, lauerten mir auf, verdächtigten mich des Diebstahls und der Zerstörung fremden Eigentums, spuckten mich an und lachten mich aus. Sie lachten mich aus wegen meiner Sachen. Sie lachten mich aus wegen meiner Wortmeldungen. Sie äfften mich nach und lachten. Sie lachten über ein Lob an mich, sie lachten über mich im Sportunterricht. Sie lachten eigentlich immer, ich konnte jedenfalls sagen, dass jeder Mensch in meiner Gegenwart fröhlich war und immer etwas zu lachen hatte. An etwas kann ich mich besonders erinnern: Einmal feierte ein Mädchen aus der Klasse Geburtstag und lud die ganze Klasse ein. Ich ging zu ihr hin und bedankte mich, denn ich war noch nie irgendjemanden eingeladen worden. Sie stand auf und verkündete lauthals: „Alle sind eingeladen, die älter sind als elf!“ Ich wurde eine Woche später als letzte in der Klasse elf. Und sie lachten wieder. Spätestens seit diesem Wechsel weiß ich die Vielfältigkeit eines Spottgelächters zu unterscheiden.

Deswegen werde ich auch nach den Sommerferien nichts sagen. Eigentlich ist es auch egal, ob ich jetzt hier auf der Terrasse braun werde oder nicht. Interessiert sowieso niemanden. Ich bin eher froh, wenn ich nicht beachtet werde. Ich schließe die Augen. „Schätzchen, komm mal her!“ Kann diese Frau mich nicht einmal in Ruhe Trübsal blasen lassen? Außerdem bedeutete dieses „Schätzchen“ nie etwas Gutes. Abgesehen davon, dass ich es absolut verabscheute. „ Was?“ „Komm mal rein mein Schatz!“ Langsam erhebe ich mich und gehe in die Küche. „Setz dich erstmal hin.“ Bevor ich überhaupt die Chance habe, fängt sie schon an. „Deine Lehrerin hat gesagt, dass deine Mitschüler dich nicht besonders mögen...“ „Nicht mögen“ ist gut. Das bedeutet entweder hat meine Lehrerin es so beschrieben, -sie bekommt sowieso nicht alles mit-, oder meine Mutter hat alles wie immer auf das für sie erträgliche und glaubhafte Maß heruntergeschraubt. Aber das Beste kommt ja jetzt erst! Sie kommt zu mir und versucht mich zu umarmen, aber ich wehre sie ab mit den Worten: „ Sag einfach, was du willst!“ „Also, Schätzchen...“ Ich hab dir schon hundertmal gesagt, dass ich dieses Wort hasse und du es nie, wirklich nie mehr verwenden sollst!“ „ Ja, mein Schatz.“ Es ist sinnlos. „Also, was ist los?“ „ Deine Lehrerin hat mit dem Kollegium beschlossen dich in eine andere Klasse zu versetzen....“ „Oh nein, fällt denen nicht mal was Neues ein? Gibt es an unserer Schule nur Idioten?“  „ Ich hab dir schon öfter gesagt, dass du nicht deine Lehrer so beleidigen und respektlos behandeln darfst.....“ „Und ich hab dir schon hundertmal gesagt, dass du mich nicht Schätzchen, Schatz oder so nennen sollst. Und du machst es auch immer wieder. Jetzt lass die Grundsatzdiskussion und sag, was diese Idioten genau beschlossen haben!“ Das war nun Absicht und meine Mutter weiß das natürlich und ich weiß wiederum, dass sie es weiß. Grimmig schaut sie mich an und erwidert, um mich zu ärgern: „Ich habe ihnen schon zugesagt, dass sie dich in die Klasse 7 b, nach den Ferien 8 b schicken.“ „Wieso entscheidest du alles über meinen Kopf? Je älter ich werde, desto weniger darf über mich bestimmen. Diese Diskussion ist sinnlos, du verstehst sowieso nie, was ich von dir will.“ Langsam gehe ich aus der Tür am Couchtisch vorbei und spüre die Blicke meiner Mutter auf mir ruhen. Ich weiß, worauf sie wartet, aber das kann sie vergessen. Aber ich gebe ihr nicht das Gefühl, siegreich zu sein indem ich mich umdrehe. Ich gehe in mein Zimmer, knalle die Tür zu und drehe meine Anlage auf volle Lautstärke. Jetzt dauert es ungefähr zehn Sekunden ---. Es klopft an der Decke. Diesmal nur sieben Sekunden. Neuer Rekord. Und jetzt --- da ist es, ein Klopfen an dem Boden. Nun habt ihr auch gleich meine Nachbarn kennen gelernt. Von oben stampfend Frau T. und von unten klopfend Herr V. . Unseren direkten Nachbarn stört die laute Musik nicht. Er ist kaum zu Hause, weil er jeden Tag schon um fünf Uhr aus dem Haus muss und erst abends um 21.°° Uhr nach Hause kommt. Um fünf Uhr spiele ich nun wirklich keine Musik und ab 21.°° Uhr ist er sowieso mit Aktivitäten beschäftigt, bei denen es ihm sogar lieber ist, wenn man nur meine Anlage und nichts aus seinem Zimmer hört. Ich glaubwenn unsere Nachbarn von oben bzw. von unten das wüssten, würden sie sich nicht so oft über mich beschweren. Aber davon weiß nur ich. O.k., ihr braucht jetzt nicht zu glauben, ich sei so eine Art hörender Spanner, aber mein Bett stand früher direkt an unserer gemeinsamen Wand. Aus Neugier habe ich einmal an der Wand gelauscht. Was denkt ihr, was ich da für einen Schrecken bekommen habe!?! Ich bin sofort zu meiner Mutter gerannt. Na ja, eigentlich bin ich zum Telefon gerannt, aber sie kam gerade hinzu, als ich verzweifelt versuchte, mit der Sprechanlage die Polizei anzurufen. Ich dachte, dass drüben jemand eine Katze quält. Ich war damals gerade in dem Alter, in dem man schon so erwachsen ist, dass man alles, wie z.B. telefonieren, selbst kann oder können möchte und in dem man einen alles widersprechenden Dickschädel hat. Das bedeut, dass man alles, was man herausfindet und dass den Aussagen der Erwachsenen widerspricht, ernst nimmt und davon kaum abzubringen ist. So kostete es eine Weile und das Versprechen meiner Mutter, sich am nächsten Morgen darum zu kümmern, bis ich schließlich Ruhe gab. Da ich morgens ja im Kindergarten war, somit also nicht überprüfen konnte, ob meine Mutter tatsächlich ihr Versprechen hält, war mir damals nicht klar. Zum Glück, sonst wäre ich noch schwerer zu überzeugen gewesen. Aber am nächsten Tag war sowieso schon alles vergessen. Ich habe mich nur kurz daran erinnert, weil mir auffiel, dass mein Bett woanders stand und meine Mutter mir sagte, das sei wegen der Nacht zuvor. Seitdem reagiere ich sehr empfindlich auf Tierquälerei und Versprechen meiner Mutter. Als ich älter wurde, verstand ich allmählich, was es mit der „Katzenquälerei“ wirklich auf sich hatte und was in der Nachbarwohnung los war. Nur dass Frau T. und Herr V. das noch nicht mitbekommen haben, das erfordert schon einiges Geschick. Deswegen habe ich schon ein wenig Respekt vor dem „Mann mit dem Harem“. Vor dem Tratschweib und dem Märchenonkel unseres Hauses etwas geheim zu halten, grenzt schon an Übernatürlichkeit. Besonders wenn man fast direkt unter oder über ihnen wohnt.

An solche Sachen denke ich immer, wenn ich sauer bin um mich zu beruhigen. Manchmal hilft das aber auch nicht, wie heute. Bestimmt ruft meine Mutter jetzt gleich wieder ihre Therapeutenfreundin an und fragt, wie sie sich bei mir für etwas entschuldigen und meine Einverständniserklärung abluchsen kann für Etwas, was sowieso schon entschieden ist. Und wenn sie es trotzdem nicht schafft, muss ich das mit ihrer Freundin persönlich klären. Das heißt dann aber auch, eine Stunde ohne sichtbare Fortschritte in einem von Räucherkerzenqualm überladenen Raum bei Beethovenmusik auf superweichen Kissen auf dem trotzdem harten Boden mit Rückenschmerzen versuchen zu meditieren. Dann tut ich lieber so, als ob ich meiner Mutter zustimme. Protest bringen bei festgelegten Sachen, an denen mehrere Personen beteiligt sind, nichts. Noch weniger, wenn alles auch schon formell festgelegt ist. Sei denn, die Proteste dauern lange genug an, aber im Endeffekt sitze ich meistens am kürzeren Hebel.

Entscheidungen

Es gibt immer

Etwas

Was zu entscheiden ist

Doch ich

Kann es nicht

Selber tun.

Es ist immer

Etwas

Was ich kaum beeinflussen kann

Obwohl ich

Es immer gerne

Tun würde.

Es ist immer

Dinge

Die niemand entscheidet

Unglück

Oder Schicksal

ich weiß es nicht.

23.12.06 18:12

bisher 0 Kommentar(e)     TrackBack-URL

Name:
Email:
Website:
E-Mail bei weiteren Kommentaren
Informationen speichern (Cookie)


 Smileys einfügen