3. Kapitel

Wut

 

Manchmal könnte ich Feuer

speien
Häuser abbrennen
Städte in Brand setzen
Werte zerstören
vor Wut, die Feuer entfacht

 

Ich könnte Wände einreißen.
wie ein Bulldozer
Landstriche niederwalzen
Panzerglas einschmeißen
vor Wut, die alles zerstört

 

Doch stattdessen sitze
ich hier
oder dort oder woanders
mache einen Bruchteil dessen
was ich tun will
vor Wut, die ich bändigen muss

 

I r g e n d w a n n   j e d o c h   i s t   e s   a n   d e r   Z e i t   d i e   W u t   z u   e n t f e s s e l n

 

 

Okay, mittlerweile bin ich schon in der letzten Ferienwoche angelangt, genauer gesagt ist heute Mittwoch und am Montag fängt die Schule wieder an. Ich überlege mir dauernd automatisch Situationen wie ich der neuen Klasse möglichst cool und gelassen gegenüberstehen kann, obwohl ich sowieso im passenden Moment ganz anders reagieren werde. Ich kann es mit aus Erfahrung sehr gut bildlich vorstellen: Ich komme in die Klasse suche mir einen Einzeltisch und wenn keiner da ist setze ich mich neben jemandem, der ziemlich unbeliebt aussieht. Das hat dann den Vorteil, dass alle gleich denken, dass ich „so Eine“ bin und mich zumindest am Anfang ignorieren. Meistens geht die Hänselei erst los, wenn sie sehen wie gut ich bin. Das geht ihnen dann absolut gegen den Strich. Wenn einer ein Außenseiter ist, soll er gefälligst auch schlecht in der Schule sein, sich sozusagen „unsichtbar machen“. Genau aus diesem Grund ignorieren sie mich auch nur am Anfang und dann lassen sie ihre schlechten Launen wegen ihrer schlechten Noten an mir aus. Anfangs nur mit wörtlichen Attacken, sprich Lügen über mich verbreiten usw. Später dann durch tätliche, sprich Prügel etc. Da kann man nur hoffen, dass die erste Phase ziemlich lange dauert und die zweite durch Heulanfälle, beleidigt sein....möglichst lang herausgezögert wird. Naja, jedenfalls nachdem ich mich hingesetzt habe, werden mich die Lehrer in den ersten paar Stunden jeweils erst irgendwann am Ende der Stunde bemerken. Dadurch werde ich irgendwann auch meinen Mitschülern auffallen, die dann um Zeit zu schinden jedem Lehrer erst mal laut durcheinander zurufen, dass sie eine neue Mitschülerin haben. Wenn ich Pech habe, gerate ich dann an Lehrer, die mich dann auf Französisch, Deutsch oder Englisch ausfragen, warum ich denn in diese Klasse geraten bin. Vielleicht habe ich auch das Glück in einer der ersten Stunden den Klassenlehrer zu haben, der mich dann vorstellt, kurz etwas zu mir und über mich sagt und dann Unterricht macht. Natürlich kann es dann trotzdem passieren, dass mich andere Lehrer nochmal ausfragen, aber meistens geht das dann meinen „neuen Freunden“ (ich zitiere meine Mutter) auf den Geist und sie lenken mit irgendetwas anderem ab. Wenn es aber so passiert (der Lehrer stellt mich vor), kann es ebenso gut sein, dass er darauf zu sprechen kommt, dass ich eigentlich eine Jahrgangsstufe jünger bin und dann geht das ganze Theater schon früher los. Eigentlich kann das ja auch bei der „In-den-ersten-Stunden-unsichtbar-sein-Möglichkeit“ passieren. Es wird sowieso schlecht laufen. Sagt jetzt nicht ich sei negativ eingestellt, ich sehe das ganze nur realistisch. Oder soll ich mich wie meine Mutter mir empfohlen hat auf den Boden setzen und mir die Wörter „positive Gedanken“ in den Kopf einbrennen? Das ist nun absolut nicht mein Stil. Dann weiß ich ja wie ich später mal enden werde, ich brauche mir nur meine Mutter und ihre Therapeutenfreundin anzusehen.

Ich denke ja jetzt schon als daran, ich sollte lieber meine paar Tage Galgenfrist genießen. Es ist ja sowieso beschlossene Sache. Während ich das alles denke. laufe ich unruhig durch mein Zimmer, natürlich die Anlage laut aufgedreht und seit neuestem auch mit abgeschlossener Tür, in der der Schlüssel steckt. Ich schaue mich um nach etwas, an dem ich mich abreagieren kann, sehe das ich das ohne wertvolle Geräte zu zerstören nicht kann und schmeiße mich auf das Bett. Ich kann mich aber leider von dem Klassenwechsel emotional nicht lösen. Noch nicht einmal meine Musik hilft mir. Ich lege mich auf den Rücken und „fahre“ mit meinen Beinen ein wenig Fahrrad, mache dann ein paar Liegestütze und andere kleine Übungen. Nach Beendigung meines täglichen Minisportprogramms versuch ich mich mit meinem ebenfalls täglichen Entspannungsritual zu entspannen, aber leider hilft das alles gar nichts. Wenn ich es recht bedenke, bin ich schon ziemlich tief gesunken, wenn ich schon Yoga mache. Aber andererseits machen auch viele ziemlich normale Leute Yoga, also bleibt noch Hoffnung für mich. Das hat es jetzt nun auch gerade nicht gebracht, die Yogaüberlegungen haben mich nur ganze fünf Minuten abgelenkt. Noch nicht einmal meine Mutter kommt und lenkt mich durch ihr Gejammer ab. Seitdem ich meine Zimmertür immer abschließe, kommt sie regelmäßig um sich zu beschweren, dass ich sie immer mehr aus meinem Leben ausschließe. Aber noch nicht mal auf diese Jammerei kann man sich heute verlassen. Das einzige, was heute sicher ist, sind die hämmernden Nachbarn. Aber ziemlich bald werden auch die genervt aufgeben. Ob ich die Anlage mal kurz ausschalte und nachher wieder an, damit sie von vorn anfangen? Abe was mache ich dann in der Zeit, in der alles ruhig ist? Okay, vergessen wir das. Das Problem in den Ferien ist, man kann nichts machen um sich abzulenken. Naja, zumindest kaum etwas, was nichts mit körperlicher oder geistiger Anstrengung zu tun hat. manche Sachen sind zwar in dieser Hinsicht anstrengend UND machen Spaß, aber das sind eher die wenigsten. Oft kann man sich auch mit der Aussicht auf Spaß nicht zu solchen Tätigkeiten aufraffen. Außerdem fällt mir im Moment dazu nichts ein, was ich nicht schon gemacht hätte und das deswegen langweilig ist. Dann muss ich wohl zur allerletzten Möglichkeit greifen und Computer spielen. Normalerweise sitze ich jeden Tag mindestens drei Stunden an meinem elektronischen Freund. In den Ferien noch mehr, das heißt ich habe bis jetzt fast jeden Tag mit kurzen Essens- oder Schlafpausen daran gesessen und dann hat auch der größte Computerfreak keine Lust mehr auf sein geliebtes Spielzeug.

Jetzt sitze ich schon wieder zwei Stunden an diesem Teil und das einzige, was ich gemacht habe, ist Auf-den-Bildschirm-starren und sinnloses Chatten gewesen. Dann kann ich den PC auch genauso gut ausmachen und das tu ich jetzt auch. Wieviel Uhr es wohl ist? Mal nachsehen. 19.25 Uhr. Das ist gut, dann esse ich jetzt Abendbrot, sehe ein bisschen fern und gehe dann ins Bett. Gute Nacht!

 

Heute ist Freitag und gestern hat meine Mutter mit meinem zukünftigen Klassenlehrer telefoniert und ihn nach den Extrawünschen meiner neuen Lehrer gefragt. Meine ehemalige Biolehrerin aus dem letzten Schuljahr zum Beispiel wollte, dass wir bis auf die Arbeit alles mit Bleistift schrieben. Selbst wenn man nur die Merksätze mit einem rotem Ausrufezeichen versah, zwang se uns die „beschmierte“ Seite herauszureißen und nochmal abzuschreiben. Da sie aber schlecht sehen konnte, haben die meisten Schüler nach einer Zeit die Ausrufezeichen extra hineingemalt und sozusagen als eine Art Wettbewerb mit Tipex weggemacht und der Lehrerin als abgeschriebene Seite angedreht. Diese hat das auch bis auf ein einziges Mal nicht bemerkt. Als sie es einmal bemerkt hatte, waren ich und der „Ausrufezeichen“-Typ mit ihr alleine. Also bekamen auch nur wir beide das mit als nach der Durchschauung des Tricks nichts weiter tat .Sie sagte nur: „Naja, so gehts auch.“ Sie verlor kein Wort mehr darüber vor den anderen (vielleicht lag das auch daran, dass sie es wegen ihrem schlechten Gedächtnis vergessen hatte). Ich sagte auch aus zwei Gründen auch nichts, weil zum ersten sie es mir sowieso nicht geglaubt hätten und zweitens gedacht hätten, ich hätte sie verpetzt. Was auch passiert sein würde, sie hätten zweifellos aufgehört meinen Tipex zu verschwenden, sich aber an meinen anderen Sachen vergriffen. Der Junge hatte nichts verraten, weil er nicht bloßgestellt werden wollte, weil die Lehrerin ihn erwischt hatte. Statt dass er einfach erzählt, er hätte das bei jemand anderen beobachtet. Aber er war auch insgesamt ein nicht so schlaues Bürschchen und ist am Ende des Schuljahrs Sitzen geblieben. Falls dieses Jahr auch solche Sonderfälle wie die Frau Biolehrerin dabei sind, hatte also meine Mutter gestern mit meinem KL (= Klassenlehrer) telefoniert. Eigentlich ist das schwachsinnig, ob ich nun heute oder erst und am Montag diese Sachen kaufe, schließlich können mir meine Mitschüler wohl besser die Marotten der Lehrer verraten. Aber meine  Mutter war gleich nach der ersten Begegnung mit meinem neuen KL hin und weg, sodass sie keine Gelegenheit ausließ aus irgendwelchen fadenscheinigen Gründen auf irgendeine Weise zu kontaktieren. Nach einem 45-minütigen Telefongespräch hat sie mir dann mitgeteilt, was ich noch kaufen muss. Meine neuen Lehrer waren allesamt mit einem karierten oder linierten Heft mit Rand zufrieden, bis auf eine Frau B., denn die wollte, das wir immer mit Bleistift  schreiben  und eine Mappe benutzen. Meine Mutter hat natürlich nicht kapiert, dass meine Biolehrerin die 8b und die 8d hatte und behält und erklärte meinem KL, dass ich schon einmal eine Lehrerin hatte, die wollte, dass wir nur mit Bleistift schreiben. Der musste sie ja für total bescheuert halten. Aber ein minimal kleines Lob muss sie nun doch bekommen: Immerhin hat sie bemerkt, dass ich ausschließlich ein einem Fach mit Bleistift schreibe. Das hat die bestimmt in der Zeit mitbekommen, als in jeder zweiten Midlife-Crisis-Zeitschrift als bestes Rezept für die Mutter-Kind-Beziehung stand: Zeigen Sie Interesse an dem, was ihr Nachwuchs tut! Aber dass sie wirklich etwas herausfindet und nicht irgendwann aufgibt ist schon enorm für sie.

Jedenfalls werde ich jetzt in die Stadt gehen und einige Dinge kaufen. Dann werde ich zwar wieder dauernd daran denken, aber wie ich in den letzten paar Tagen festgestellt habe, tu ich das sowieso ununterbrochen. Der Vorteil an der Stadt ist, dass ich manchmal minutenlang von meinen Gedanken abgelenkt werde. Also los! Am Besten gebe ich auch eine kleine Beschreibung, während ich in der U-Bahn sitze. unser Haus steht ziemlich nah am Stadtrand. Es ist so weit, von ihr weg, dass wir den Gestank und Lärm der nicht weit entfernten Industrieorte hautnah mitbekommen, aber auch wieder so nah dran, dass wir den Stadtlärm und –gestank ebenfalls mitabbekommen. Wenn irgendwelche giftigen Gase oder ähnliches auftreten, sind wir die ersten, die „ihre Fenster und Türen geschlossen halten“. Das alles bedeutet, ich muss zwei Straßen weitergehen und in die U14 (eine U-Bahn natürlich) einsteigen und durch den schlechtesten Teil unserer Stadt fahren. Vorbei an den Wohnwagensiedlungen und abbruchreifen Häusern, und an der 7. Station aussteigen.

 

 

23.12.06 18:13

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