Der schönste Tag meines Lebens

Prolog

Der schönste Tag meines Lebens

PROLOG:

Heute war einer dieser Tage, die sie Hasste. Das Wetter war unpassender Weise sonnig und der Himmel so blau wie er in einem Bilderbuch gemalt war. Widerlich leuchtend blau! Es sah aus wie in einer Friede-Freude-Eierkuchen-Geschichte. Die zwei Schönwetter-schäfchen-wolken machten das Bild komplett. Fehlt nur noch, dass gleich ein Prinz kommt und seine geliebte Prinzessin heiratet. Sie dachte es und verwünschte wie immer an so einem Tag die ganze Welt. Tatsächlich bog nun noch ein Pärchen um die Ecke, Eng umschlungen lächelten sie sich gegenseitig und auch sie an. Sie spuckte auf die Straße und wandte ihnen den Rücken zu. Und sie hasste Tage wie diesen. Früher hatte sie sie gemocht. An solchen Tagen war sie immer fröhlich gewesen. Wenn morgens die Sonne in ihr Zimmer schien und sie „wachkitzelte“, - sie hatte immer dieses alberne Wort verwendet -, war sie begeistert gewesen. Dafür ist sie sogar früher aus dem Bett gesprungen und hatte ihre Freundin Jess angerufen, die sonst schon aus dem Haus war, wenn sie selbst aufstand. Jess wohnte noch weiter außerhalb als sie und musste daher mit dem einzigen Bus, der morgens von  ihrem Dorf aus in die Stadt fuhr, fahren, der nun mal zu unmenschlich früher Zeit fuhr. Sie dagegen war ortsansässig und konnte mit den U-Bahnen der Stadt zur Schule fahren. Sie spuckte wieder auf die Straße und als die alte Frau auf der anderen Straßenseite sie ganz empört und schockiert anschaute, schnitt sie ihr eine Grimasse. Wenn die wüßte, was mit mir los ist, würde sie mich nicht mehr so anschauen. Plötzlich überkam sie wieder dieses Gefühl, ähnlich einer Vorahnung. Sie schaute sich um und ging unwillkürlich schneller. Ein Auto kam auf sie zu, sie blickte auf und sah drei junge Männer in dem Auto sitzen. Das Tempo wurde von dem schwarzhaarigen höchstens 19-jährigen Fahrer gedrosselt und das Fenster heruntergekurbelt. In diesem Augenblick sah sie ihn im Fond sitzen. Er trug seine übliche schwarze, schlichte Jacke, seine braunen Haare bildeten einen kleinen Wirbel oberhalb der linken Stirnhälfte, den er trotz der großen Menge an Haargel nicht wegbekommen hatte. Er lümmelte sich mit einer Bierflasche auf dem Rücksitz und stieß einen Rülpser aus, als er sie sah. Er erkannte sie, schließlich war sie als die beste Freundin seiner Schwester oft bei seiner Familie gewesen. Sofort nach dem Rülpsen fand sein Mund eine neue Tätigkeit :auf seinem Gesicht, sie würde lieber Visage sagen, aber sie musste widerstrebend zugeben, dass sein Gesicht keineswegs eine Visage war, eher im Gegenteil, breitete sich ein hämisches Grinsen aus. Er bedeutete dem Fahrer noch langsamer zu fahren. Sie dagegen ging noch schneller. Auch das Auto paßte sich jetzt ihrem Tempo an. Was wollten die schon wieder von ihr? Sofort wurde sie angepöbelt, als ob ihre Frage gehört worden wäre. „Na Süße, alles klar?“, fragte Jess‘ Bruder und kurbelte nun auch das hintere Fenster herunter. Sie schaute sich nach einem Fluchtweg um. Sie haßte es ständig auf der Flucht zu sein. Aber ihr blieb nichts anderes mehr übrig nach dieser einen Sache. Mittlerweile war sie schon richtig gut im „Plötzlich-Verschwinden“. Sehr schnell machte sie einen versteckten Winkel ausfindig und verschwand. So auch dieses Mal. Vor Autos zu verschwinden war auch einfacher, denn da brauchte sie nur in eine Gasse zu gehen, die für Autos zu schmal war, früher hätten sie keine zehn Pferde dazu gebracht in diesem Elendsviertel länger als nötig zu bleiben. Heute war sie lieber hier als auf dem normalen Weg. Sie kannte diesen Stadtteil genau und so wußte sie, wann sich ihr die Möglichkeit bot zu verschwinden. Doch gerade als sie aus der Gasse wieder auftauchte, blickte sie in den Himmel und das leuchtende Blau stach ihr in die Augen. Sie hörte es hupen und reflexartig sprang sie zur Seite. Das Auto bremste und schleuderte ein wenig, aber der Fahrer hatte es schnell wieder unter Kontrolle. Schon wieder die! Sie bekam Panik. Du mußt ruhig bleiben! Als du damals nicht ruhig geblieben bist und nicht skeptischer gewesen warst, hat diese Sache doch erst angefangen! Ach ja, und diese Selbstgespräche haben da auch angefangen. Naja, die lenken sie ja immerhin z. B. davon ab, was die Jungen zu ihr gerade gesagt hatten. Schnell verschwand sie zum zweiten Mal. Sie hockte sich hinter einen Container. Diesmal wollte sie sicher gehen, dass sie sie nicht wiederfanden. Sie schaute zum Himmel und er war. wie sie erwartet hatte, immer noch blau. Wenigstens zogen jetzt ein paar richtige Wolken auf, die das Schönwetter-Bild trübten. Konnte sie es  riskieren jetzt herauszukommen? Mußte sie ja, schließlich mußte sie ja nach Hause. Vorsichtig schaute sie über den Container. Die Luft war rein. Mit einem Blick nach oben flüsterte sie : Bitte laß sie weg sein! Schließlich ging sie aus der Gasse heraus. Langsam ging sie die einsam verlassene Straße hinunter und kickte einen Stein vor sich her. Sie haßte es alleine zu sein, denn dann mußte sie immerzu an die Sache denken, die ihr Leben veränderte. Aber noch schlimmer war es, wenn irgendjemand bei ihr war, der von der Sache etwas wußte. Eigentlich waren es ja Sachen, aber da alles auf einer Sache basierte, nannte sie es der Einfachheit halber die Sache. Reifen quietschten und sie rannte und rannte. Sie wußte nicht wohin oder wie lange sie rennen wollte, aber sie wußte, daß sie es nicht mehr aushielt. Sie rannte und rannte. Rennen, rennen! Es war wie verflucht, sie haßte ihr Leben.
Plötzlich kam sie ans Meer und alle Leute, die etwas wußten, hatten sie verfolgt. Sie schrie und schrie. Und sie wollte vor ihnen entkommen, vor ihnen wegrennen.
Sie kamen aber immer näher und sie wurde immer langsamer. Sie warf sich auf den Boden, rollte sich ein wie ein Igel und umschloß ihre Knie mit beiden Armen. Sie schloss die Augen. Aber sie öffnete sie sofort wieder und sah wie sie alle auf das Meer und sie zurannten. Die ersten waren nun bei ihr angekommen und wollte sie anfassen. Wenn sie alle sterben würden, wären das der schönste Tag meines Lebens! Früher hätte sie sowas nie gedacht. Sie riefen nach ihr:
RENA! 

23.12.06 18:09, kommentieren

1.Kapitel

Erstes Kapitel

Dies ist meine Geschichte. Wenn ich sie nicht selbst erlebt hätte, sondern gelesen hätte, hätte ich wahrscheinlich nur mit dem Kopf geschüttelt. Aber ich habe diese Geschichte selbst er- und durchlebt. Ich habe mich in meinem Leben immer gut gefühlt. Und sicher. Wahrscheinlich genauso wie Du dich gerade fühlst. Ich will damit nicht sagen, dass du in genau so einer scheinheiligen Idylle lebst wie ich in einer gelebt habe. Ich will dir einfach nur vorher sagen „Pass auf mit wem und auf was du dich einlässt!“, damit du nachher nicht im Falle eines Falles aus allen Wolken fällst. Das schlimmste daran war, dass ich gar nicht bemerkt habe, dass ein großes Unglück geschieht. Es kam in kleinen, kaum merklichen Schritten. Wahrscheinlich habe ich sogar etwas bemerkt, aber es ignoriert. Ich glaube, ich habe es sogar bemerkt. Aber jetzt komme ich mal zu meiner Geschichte, ich höre mich ja an wie meine eigene Mutter bei ihren Standpauken.

Es beginnt an einem heißem Sommertag im Juni. Es ist kurz vor den Ferien und kaum einer der Schüler, Lehrer oder der anderen Menschen hat etwas zu tun, alle warten sie auf die Ferien, ihre freien Tage und auf ihren Sommerurlaub. Genauso geht es auch mir, nur, dass ich nicht wegfahre, sondern mich bei uns auf dem Balkon dem Gemisch aus Smog und Luft aussetzen muss, um wenigstens leicht braun zu schimmern am Ende der Ferien. Alle werden wie üblich von ihrem tollen Urlaub erzählen und was sie alles unternommen haben. Und ich? Ich sitze daneben, sage nichts, weil ich keinen Bock auf Bemerkungen nach dem Motto „Können sich deine Eltern das nicht leisten? Oder ist es weil du `ne drei auf dem Zeugnis hast?“. Wer unsere Klasse kannte, wusste, dass sie so ziemlich die schlimmste auf unserer Schule ist. Und sie waren noch stolz darauf. Das hört sich jetzt vielleicht albern an, aber besonders in meinem Fall kann ich da nicht mehr darüber lachen. Wenn ihr schon einmal von einer ganzen Klasse fertig gemacht wurdet, dann stellt euch das erst einmal für euer ganzes Leben vor. Dann habt ihr ungefähr eine Vorst4ellung wie es mir geht. Das sage ich jetzt nicht nur, weil ich einen schlechten Tag habe, am besten mache ich das mal mit einem kurzen Rückblick deutlich:

Ich bin im Moment 11 Jahre alt, ihr könnt euch also ausrechnen, wann ich geboren wurde. Meine Mutter hatte nur einen kurzen Mutterschaftsurlaub genommen und ist schnell wieder arbeiten gegangen.

Warum genau, hat sie mir Auch nicht erklärt, wahrscheinlich wollte sie nicht den ganzen Tag zu Hause bleiben. Wenn ich es mir genau überdenke, fällt mir ein, dass sie auch etwas in der Richtung gesagt hatte. Ich will meiner Mutter ja keine Vorwürfe machen, aber anscheinend hat sie nicht mitbekommen, dass die ersten drei Jahre die wichtigsten für die zukünftige Entwicklung des Kindes sind. Und irgendwie hat ihr Fehler auch dazu beigetragen, dass das, was passiert ist, eben so gekommen ist. Vielleicht auch nicht. Schließlich bin ich nicht objektiv genug um das zu beurteilen. Eigentlich habe ich das von den Leuten, die sich jetzt um mich kümmern. Irgendwie klingt das ja gemein: Die Tochter beschuldigt ihre eigene Mutter bei ihrer Erziehung etwas falsch gemacht zu haben. Aber, wenn ihr dieses Buch gelesen habt, denkt ihr vielleicht anders darüber.

Als ich dann in den Kindergarten gekommen war, war ich immer das letzte Kind, das abgeholt worden ist. Meine Kindergärtnerin, Tante Lola, stand immer schon mit mir am Tor der Tagesstätte, mit den Schlüsseln in ihrer Hand ungeduldig klappernd und alle zwei Minuten auf die Uhr schauend. Sie hielt mich an der Hand und ich fühlte mich immer gründlich unwohl. Irgendwann wurde ich immer abgeholt. Nur es wurde jedes Mal später und irgendwann brachte mich meine Mutter mit den Worten „Mein Schätzchen muss jetzt einmal eine andere Tante Lola kennenlernen“ zu einem anderen Kindergarten im Norden der Stadt. Damals verstand ich noch nicht warum ich immer aus den Kindergärten flog, aber ich nahm es einfach hin und lernte einfach eine neue „Tante Lola“, „Frau Susie“ oder wie sie auch alle hießen, kennen. Später erkannte ich, das etwas mit mir nicht stimmen konnte, weil ich immer wieder von einem vertrauten Ort weg musste.

Es hängt mir bis jetzt immer no0ch nach, alle sagen zwar, dass es die Schuld meiner Mutter war, aber nachdem ich es mir jahrelang als meine eigene Schuld eingeprägt habe, hilft mir diese Aufmunterung nicht.

Noch schlimmer als im Kinderhort wurde es für mich in der Schule. Während meine Klassenkameraden in der 1. Und 2. Klasse einfach aus dem Weg gingen, fingen sie in der dritten Klasse schon mit Beschimpfungen an: „Die stinkt zu der will ich nich!“ In der 4. Schließlich begann es noch schlimmer zu werden. Wenn ich in die Pause ging, gingen mir alle aus dem Weg. Wenn sie dann zu Ende war, fehlte mir entweder ein Stift, mein Lineal war zerbrochen oder meine Hefte und Bücher waren vollgeschmiert mit Sätzen wie „Du stingst!“, „Aschloch!“ oder ähnlichem. Ich habe mich aber nie getraut jemanden davon zu erzählen, schließlich war ich ja an allem selber schuld.

Als ich in die fünfte Klasse kam, ging ich auf ein Gymnasium. Dort fingen meine Klassenkameraden nach einer Weile an, mir ein Bein zu stellen, mich anzuspucken oder Streber zu nennen. Eines Tage wurden meine Mutter und ich zu einem Gespräch eingeladen. Es ging darum mich eine Klasse überspringen zu lassen. Wie immer hörte meine Mutter nicht zu oder ihr war es egal. Jedenfalls stimmte sie der Lehrerin zu....

... und wieder einmal lief etwas in meinem Leben total schief.

Ich konnte meine alten Klasse zwar nicht gut leiden oder eher gesagt, weil sie mich nicht leiden konnte, blieb mir auch keine Möglichkeit sie jemals „leiden zu können“, aber in eine höhere Klasse wollte ich erst recht nicht. Zumal sich deine Freundschaft zwischen mir und Karolin, einer Mitschülerin, anbahnte.

Seit meiner jüngsten Kindheit bedeute ein Wechsel, egal, welcher Art, immer etwas Schlechtes für mich und das hätte sich in mein Unterbewusstsein ebenfalls eingeschlichen. So sagt das jedenfalls meine Therapeutin. Eigentlich ist sie ja keine richtige Therapeutin, aber sie ist eine Freundin meiner Mutter und hat viel Ahnung von „positiver“ Energie, einem guten Karma etc.  Zusätzlich zu meinem Unterbewusstsein kann ich mir auch sehr gut vorstellen, dass eine „superintellektuelle“ 1 Jahre jüngere Mitschülerin nicht sehr beliebt sein würde. Meine Mutter hat mich zwar gefragt, ob ich eine Klasse überspringen wollte, aber schließlich „ wurde“ ich einfach eine Klasse übersprungen. Und es kam auch so wie ich es mir gedacht hatte, keiner konnte mich in der neuen Klasse leiden. Es war alles normal. Eigentlich war es noch schlimmer, aber am Anfang konnte ich mich wenigstens noch in der Arbeit vergraben, die ich hatte, weil ich die übersprungene Klasse aufholen musste. Ehrlich gesagt habe ich da überhaupt kaum etwas mitbekommen, war zwei Monate lang aus der Welt ausgeklinkt. Doch dann brach es wie ein –Hammer auf mich ein. Im Gegensatz zur Grundschule und zur fünften Klasse wurden hier schlimmere Sachen gegen mich „veranlasst“. Die Schüler hatten ihren Spaß darin mir bei Arbeiten Spicker unterzuschieben, mich wegen allem, was ich nicht getan hatte zu verpetzen und mich nach de Schule regelmäßig durch die Stadt zu jagen. Wenn sie mich einmal hatten, verprügelten sie mich. Damals habe ich angefangen zu lernen wie man schnell verschwindet. Meiner Mutter habe ich immer gesagt ich hätte einen Fahrradunfall gehabt. Jedesmal. Sie hat es nicht bemerkt, nur einmal hat sie gesagt: „Fahr lieber mal ein bisschen vorsichtiger, Schätzchen!“ Nachdem ich im Zeugnis trotzdem gute Noten bekommen hatte und die Lehrer mich immer als leuchtendes Vorbild hinstellten, hatte ich noch mehr „Fahrradunfälle“ als sonst. Dabei habe ich gedacht das sei schon das höchste aller Gefühle gewesen. Sie verprügelten mich, lauerten mir auf, verdächtigten mich des Diebstahls und der Zerstörung fremden Eigentums, spuckten mich an und lachten mich aus. Sie lachten mich aus wegen meiner Sachen. Sie lachten mich aus wegen meiner Wortmeldungen. Sie äfften mich nach und lachten. Sie lachten über ein Lob an mich, sie lachten über mich im Sportunterricht. Sie lachten eigentlich immer, ich konnte jedenfalls sagen, dass jeder Mensch in meiner Gegenwart fröhlich war und immer etwas zu lachen hatte. An etwas kann ich mich besonders erinnern: Einmal feierte ein Mädchen aus der Klasse Geburtstag und lud die ganze Klasse ein. Ich ging zu ihr hin und bedankte mich, denn ich war noch nie irgendjemanden eingeladen worden. Sie stand auf und verkündete lauthals: „Alle sind eingeladen, die älter sind als elf!“ Ich wurde eine Woche später als letzte in der Klasse elf. Und sie lachten wieder. Spätestens seit diesem Wechsel weiß ich die Vielfältigkeit eines Spottgelächters zu unterscheiden.

Deswegen werde ich auch nach den Sommerferien nichts sagen. Eigentlich ist es auch egal, ob ich jetzt hier auf der Terrasse braun werde oder nicht. Interessiert sowieso niemanden. Ich bin eher froh, wenn ich nicht beachtet werde. Ich schließe die Augen. „Schätzchen, komm mal her!“ Kann diese Frau mich nicht einmal in Ruhe Trübsal blasen lassen? Außerdem bedeutete dieses „Schätzchen“ nie etwas Gutes. Abgesehen davon, dass ich es absolut verabscheute. „ Was?“ „Komm mal rein mein Schatz!“ Langsam erhebe ich mich und gehe in die Küche. „Setz dich erstmal hin.“ Bevor ich überhaupt die Chance habe, fängt sie schon an. „Deine Lehrerin hat gesagt, dass deine Mitschüler dich nicht besonders mögen...“ „Nicht mögen“ ist gut. Das bedeutet entweder hat meine Lehrerin es so beschrieben, -sie bekommt sowieso nicht alles mit-, oder meine Mutter hat alles wie immer auf das für sie erträgliche und glaubhafte Maß heruntergeschraubt. Aber das Beste kommt ja jetzt erst! Sie kommt zu mir und versucht mich zu umarmen, aber ich wehre sie ab mit den Worten: „ Sag einfach, was du willst!“ „Also, Schätzchen...“ Ich hab dir schon hundertmal gesagt, dass ich dieses Wort hasse und du es nie, wirklich nie mehr verwenden sollst!“ „ Ja, mein Schatz.“ Es ist sinnlos. „Also, was ist los?“ „ Deine Lehrerin hat mit dem Kollegium beschlossen dich in eine andere Klasse zu versetzen....“ „Oh nein, fällt denen nicht mal was Neues ein? Gibt es an unserer Schule nur Idioten?“  „ Ich hab dir schon öfter gesagt, dass du nicht deine Lehrer so beleidigen und respektlos behandeln darfst.....“ „Und ich hab dir schon hundertmal gesagt, dass du mich nicht Schätzchen, Schatz oder so nennen sollst. Und du machst es auch immer wieder. Jetzt lass die Grundsatzdiskussion und sag, was diese Idioten genau beschlossen haben!“ Das war nun Absicht und meine Mutter weiß das natürlich und ich weiß wiederum, dass sie es weiß. Grimmig schaut sie mich an und erwidert, um mich zu ärgern: „Ich habe ihnen schon zugesagt, dass sie dich in die Klasse 7 b, nach den Ferien 8 b schicken.“ „Wieso entscheidest du alles über meinen Kopf? Je älter ich werde, desto weniger darf über mich bestimmen. Diese Diskussion ist sinnlos, du verstehst sowieso nie, was ich von dir will.“ Langsam gehe ich aus der Tür am Couchtisch vorbei und spüre die Blicke meiner Mutter auf mir ruhen. Ich weiß, worauf sie wartet, aber das kann sie vergessen. Aber ich gebe ihr nicht das Gefühl, siegreich zu sein indem ich mich umdrehe. Ich gehe in mein Zimmer, knalle die Tür zu und drehe meine Anlage auf volle Lautstärke. Jetzt dauert es ungefähr zehn Sekunden ---. Es klopft an der Decke. Diesmal nur sieben Sekunden. Neuer Rekord. Und jetzt --- da ist es, ein Klopfen an dem Boden. Nun habt ihr auch gleich meine Nachbarn kennen gelernt. Von oben stampfend Frau T. und von unten klopfend Herr V. . Unseren direkten Nachbarn stört die laute Musik nicht. Er ist kaum zu Hause, weil er jeden Tag schon um fünf Uhr aus dem Haus muss und erst abends um 21.°° Uhr nach Hause kommt. Um fünf Uhr spiele ich nun wirklich keine Musik und ab 21.°° Uhr ist er sowieso mit Aktivitäten beschäftigt, bei denen es ihm sogar lieber ist, wenn man nur meine Anlage und nichts aus seinem Zimmer hört. Ich glaubwenn unsere Nachbarn von oben bzw. von unten das wüssten, würden sie sich nicht so oft über mich beschweren. Aber davon weiß nur ich. O.k., ihr braucht jetzt nicht zu glauben, ich sei so eine Art hörender Spanner, aber mein Bett stand früher direkt an unserer gemeinsamen Wand. Aus Neugier habe ich einmal an der Wand gelauscht. Was denkt ihr, was ich da für einen Schrecken bekommen habe!?! Ich bin sofort zu meiner Mutter gerannt. Na ja, eigentlich bin ich zum Telefon gerannt, aber sie kam gerade hinzu, als ich verzweifelt versuchte, mit der Sprechanlage die Polizei anzurufen. Ich dachte, dass drüben jemand eine Katze quält. Ich war damals gerade in dem Alter, in dem man schon so erwachsen ist, dass man alles, wie z.B. telefonieren, selbst kann oder können möchte und in dem man einen alles widersprechenden Dickschädel hat. Das bedeut, dass man alles, was man herausfindet und dass den Aussagen der Erwachsenen widerspricht, ernst nimmt und davon kaum abzubringen ist. So kostete es eine Weile und das Versprechen meiner Mutter, sich am nächsten Morgen darum zu kümmern, bis ich schließlich Ruhe gab. Da ich morgens ja im Kindergarten war, somit also nicht überprüfen konnte, ob meine Mutter tatsächlich ihr Versprechen hält, war mir damals nicht klar. Zum Glück, sonst wäre ich noch schwerer zu überzeugen gewesen. Aber am nächsten Tag war sowieso schon alles vergessen. Ich habe mich nur kurz daran erinnert, weil mir auffiel, dass mein Bett woanders stand und meine Mutter mir sagte, das sei wegen der Nacht zuvor. Seitdem reagiere ich sehr empfindlich auf Tierquälerei und Versprechen meiner Mutter. Als ich älter wurde, verstand ich allmählich, was es mit der „Katzenquälerei“ wirklich auf sich hatte und was in der Nachbarwohnung los war. Nur dass Frau T. und Herr V. das noch nicht mitbekommen haben, das erfordert schon einiges Geschick. Deswegen habe ich schon ein wenig Respekt vor dem „Mann mit dem Harem“. Vor dem Tratschweib und dem Märchenonkel unseres Hauses etwas geheim zu halten, grenzt schon an Übernatürlichkeit. Besonders wenn man fast direkt unter oder über ihnen wohnt.

An solche Sachen denke ich immer, wenn ich sauer bin um mich zu beruhigen. Manchmal hilft das aber auch nicht, wie heute. Bestimmt ruft meine Mutter jetzt gleich wieder ihre Therapeutenfreundin an und fragt, wie sie sich bei mir für etwas entschuldigen und meine Einverständniserklärung abluchsen kann für Etwas, was sowieso schon entschieden ist. Und wenn sie es trotzdem nicht schafft, muss ich das mit ihrer Freundin persönlich klären. Das heißt dann aber auch, eine Stunde ohne sichtbare Fortschritte in einem von Räucherkerzenqualm überladenen Raum bei Beethovenmusik auf superweichen Kissen auf dem trotzdem harten Boden mit Rückenschmerzen versuchen zu meditieren. Dann tut ich lieber so, als ob ich meiner Mutter zustimme. Protest bringen bei festgelegten Sachen, an denen mehrere Personen beteiligt sind, nichts. Noch weniger, wenn alles auch schon formell festgelegt ist. Sei denn, die Proteste dauern lange genug an, aber im Endeffekt sitze ich meistens am kürzeren Hebel.

Entscheidungen

Es gibt immer

Etwas

Was zu entscheiden ist

Doch ich

Kann es nicht

Selber tun.

Es ist immer

Etwas

Was ich kaum beeinflussen kann

Obwohl ich

Es immer gerne

Tun würde.

Es ist immer

Dinge

Die niemand entscheidet

Unglück

Oder Schicksal

ich weiß es nicht.

23.12.06 18:12, kommentieren

2.Kapitel

Entscheidungen

 

Es gibt immer

Etwas

Was zu entscheiden ist

Doch ich

Kann es nicht

Selber tun.

 

Es ist immer

Etwas

Was ich kaum beeinflussen kann

Obwohl ich

Es immer gerne

Tun würde.

 

Es ist immer

Dinge

Die niemand entscheidet

Unglück

Oder Schicksal

 

ich weiß es nicht.

 

Heute ist es ein Tag nach der Nachricht von meinem erneutem Wechsel. Nachdem ich gestern noch so wütend war, dass ich mich geweigert habe zum Abendessen zu erscheinen und mir dafür nachts einen Imbiss genehmigt habe, war ich heute einfach nur enttäuscht. Ich hatte die ganze Nacht Zeit um nachzudenken, denn ich musste erst einmal stundenlang darauf lauschen, ob meine Mutter ins Bett geht und dann einschläft. Danach konnte ich stundenlang wegen des vollen Magens nicht einschlafen. In der Zeit, die ich dadurch zum Nachdenken hatte, bin ich wie immer zu dem Schluss gekommen, dass es besser ist die Sache einfach zu aktzeptieren, selbst wenn es schwer fällt. Dieses dauernde „Aktzeptieren müssen“ ist noch viel schlimmer als das Geschehen an sich. Stellt euch vor, ihr seid gefesselt an den Händen, geknebelt und taub und seid in einem Raum, in dem euch irgendwo jemand auflauert, aber ihr wisst nicht wo. So wehrlos komme ich mir bei so einem Wechsel vor. Ich weiß nicht, was genau dieser jemand, der mir etwas antun will, mir antun wird, weiß nicht wann und wie ich mich schützen kann oder muss. Am Anfang einer jeden von diesen oder ähnlichen Situationen kann ich diese Wehrlosigkeit noch nicht annehmen, aber dann finde ich mich langsam damit ab. So auch dieses Mal. Ich habe mich auf die Galgenfrist von fünf Wochen eingestellt und muss mich dann irgendwie damit abfinden. Das es besser oder zumindest anders wird, daran glaube ich ehrlich gesagt nicht. Sie lassen sich einfach nichts Neues einfallen.

Das ist ja gerade das Schlimmste!  Man erlebt jedes Mal den gleichen Mist und weiß automatisch, was als nächstes passieren wird. Und obwohl ich zu Hause immer wieder übe, etwas zu entgegnen oder es wenigstens zu ignorieren, gucke ich sie im Falle des Falles nur entgeistert und hilflos an. Naja, wenn es etwas wie ein Schicksal gibt, ist das meins. Heute sitze ich wieder auf dem Balkon und versuche zu lesen. Doch meine Gedanken schweifen immer zu meinem erneuten Unglück ab. Eigentlich wollte ich diesen Sommer einfach nur entspannen...

Statt dessen würde mir die ganze Zeit der Gedanke an meine neue Klasse keine Ruhe lassen. Langsam lege ich mich in meinem Stuhl zurück denn das Buch werde ich heute sowieso nicht mehr lesen. Wisst ihr , was mir jetzt noch fehlt?

„Schätzchen, komm mal her!“ Genau das!  „Was denn?“ Ich hasse das immer, wenn sie (meine Mutter) mir etwas aufgezwungen hat, versucht sie sich spätestens an nächsten Tag wieder einzuschleimen. Natürlich ist es auch dieses Mal nicht anders. „Ich komme“, rufe ich mehr oder weniger schicksalsergeben. Ich gehe zu unserer Balkontür. Meine Mutter saß wie erwartet am Couchtisch und studierte eine von diesen „Wie verändert man eine Frau in der MidlifeCrises so, dass sie sich wie 20 fühlt, aber weiterhin aussieht wie 50“-Magazinen. „Weißt du, was ich hier drin gelesen habe?“ „Nein, aber du wirst es mir sicher in ca. 2 Sekunden sagen.“ Sie schaut mich beleidigt an, aber sie kann trotzdem nicht über ihren Schatten springen und liest mir einen Artikel mit der vielversprechenden Überschrift „ Der Kampf der Jugend gegen Akne“ vor. Ich habe kaum zugehört. In diesen Artikeln stehen sowieso immer dieselben alten Hausfrauenweisheiten drin, die sich irgendein einfallsloser Schreiberling irgendwann einmal ausgedacht hat und die alle anderen Zeitschriften in leicht abgeänderter Form immer wieder abdrucken. Dazu noch ein oder zwei neue Methoden und schon ist ein Artikel über Jugendliche und Akneprobleme für Frauen geschrieben, die über dieses Alter schon ungefähr 20 Jahre hinaus sind. Diese zerreißen sich dann gemeinsam darüber die Mäuler, dass mit einem Bisschen Pflege jeder Jugendliche aussehen kann wie ein Babygesicht. Wenigstens konzentrieren sich diese Magazine nicht nur ausschließlich auf die „Jugendrettung“. Auch andere weltverbessernde Themen wie z. B. „Woran erkennt man das Hautcremes nicht mit Tierversuchen auf Verträglichkeit getestet wurden?“ oder “Wie vermeide ich Orangenhaut an den Oberschenkeln?“. Das Beste sind natürlich die Leserbriefe, die man nach dem Studieren von einigem Material übersetzen kann. Wenn eine Frau Müller aus Mühlheim beispielsweise darüber klagt, dass sich bei ihr langsam Krähenfüße um die Augen bilden, heißt das, dass ihre Fältchen in Wirklichkeit Falten sind. Und in denen können wahrscheinlich vierjährige Kinder problemlos Verstecken spielen. Oder Frau G. aus O. klagt darüber, dass sie keinen Mann mehr abbekommt, obwohl alle ihre Freundinnen sagen, dass sie sehr hübsch und nett sei. Diese Freundinnen sehen dann wahrscheinlich aus wie aus grauen zerbrökelndem Gestein gehauen und Frau G. sieht nur aus wie aus grauem Gestein gehauen. Sie ist sozusagen der Drakula gegen ihre Frankensteinfreundinnen. Ich höre jetzt auf davon, erstens, weil es gar nicht wert ist sich darüber aufzuregen. Zweitens, weil meine Mutter mich schon zum dritten Mal etwas fragt und ich nicht zugehört habe. Und ich habe echt keine Lust gleich meine heulende Mutter trösten zu müssen. Das passiert nämlich in letzter Zeit öfter. Gut, ihr ist vor zwei Wochen gekündigt worden, ich bringe nur noch schlechte Noten mit nach Hause und zeige keinen großen Respekt vor ihr. Ihr Bild von mir, dem superschlauen, lernwilligen und braven Kind, ist gehörig ins Wanken geraten. Ich schaue sie an und erzähle ihr irgendetwas nach dem Motto, dass ich so intensiv über den Artikel nachgedacht habe, dass ich ihre Frage nicht verstanden habe.  So ganz glaubt sie es mir wohl nicht, aber sie will es gerne glauben und so tut sie es jetzt auch. Woher ich das weiß? Zum einen, weil sie einer von diesen Menschen ist, denen man ihre Stimmung aus dem Gesicht ablesen kann, des Weiteren, weil ich sie teilweise besser kenne , als mir lieb ist. „Ich habe gefragt, warum du gestern so sauer warst. Du kannst doch froh sein, wenn du aus der Klasse herauskommst, in der du dich unwohl gefühlt hast...“ „...um in die nächste Klasse zu kommen, die mich verspottet?“ „Du musst nicht immer so negativ denken, mein Sch....es kann doch auch ganz anders kommen.“ Das ist ja schon ein Fortschritt, sie hat sich das „Schatz“ verkniffen. Dann werde ich ihr auch einmal ein bisschen entgegenkommen. „Mama, ich werde mein Bestes geben, okay?“ „Ja, mein Schatz. Das ist gut.“ Wie konnte ich nur so naiv sein und glauben, dass diese Frau ihre jahrelangen Gewohnheiten ablegt. Langsam gehe ich aus die Tür zum Flur zu. „Wo gehst du hin? Ich dachte wir sitzen noch eine Weile zusammen und plaudern?“ Ich drehe mich um, verdrehe die Augen und antworte zögernd:  „Ähmm...ich wollte ein bisschen Musik hören, sei nicht böse, aber ich habe schließlich auch Ferien. Ich werde in der Schule schon die ganze Zeit von dem Schulpsychologen vollgelabert und von deiner Freundin Marie.“ „Marie ist eine gute Therapeutin und ich habe dir auch für morgen wieder einen Termin bei ihr gemacht.“ „Warum das denn? Ich habe doch ganz vernünftig auf den Vorschlag oder eher die Vorbestimmung meines Klassenwechsels reagiert!“ Wütend starre ich sie an und meine ein kleines Lächeln in ihren Mundwinkeln zu erkennen, das sich jetzt  in ein hämisches Blitzeln in den Augen verwandelt. „Hast du ja auch......“ „ABER?“ „ Ich hatte ja keinen Termin gemacht, aber an deiner Reaktion eben habe ich erkannt, dass ich einen machen muss! Tut mir leid!“ Tut's dir gar nicht! Ohne eine Wort zu sagen renne ich türschlagend aus dem Zimmer und drehe meine Anlage auf, nachdem ich auch meine Zimmertür zugeschlagen habe. Ich hasse diese Frau! Wie konnte ich sie vor noch ungefähr zehn Minuten für vernünftig, verständig und umgänglich halten? Diese Frau ist eine hinterhältige Furie. Als ob ich nicht schon genug Probleme hätte! Zusätzlich schickt meine Mutter mich auch noch zu einem Therapeuten. Auch noch zu einem, der gar keiner ist und sich das nur einredet. Wenn das meine neuen Mitschüler erfahren, kann ich die positiven Gedanken, die ich laut meiner Mutter haben soll, gleich in den Wind schießen! Wahrscheinlich haben meine lieben ehemaligen Klassenkameraden meinen lieben neuen Klassenkameraden schon alles bis ins kleinste Detail über mich erzählt. Kameraden sind sie wohl eher nicht, höchstens Mitschüler. Selbst meine Musik bringt mich nicht auf bessere Gedanken. Kein Wunder, man kann sie auch nicht genießen, wenn ständig jemand gegen den Takt an meine Decke oder an meinen Fußboden klopft.  Jetzt hämmert auch noch meine Mutter an der Tür. Zum Glück habe ich vor lauter nicht vergessen die Tür abzuschließen. Das mache ich sowieso fast automatisch seit ungefähr einem halben Jahr oder so. Jetzt schreit sie irgendetwas, was sich anhört wie „Maschte mah daä Muschik leihzer“, wenn man das störende Hämmern und die Morsezeichen unserer Nachbarn herausfiltert. Es soll wahrscheinlich heißen, dass ich die Musik leiser machen soll, aber das stört mich nicht. Ich drehe noch lauter und höre dann  auch das Klopfen nicht mehr. Ich lege mich auf mein Bett und verschränke die Arme unter meinem Kopf. Endlich kann ich mich entspannen, was man wohl von diesen lärmenden Klopfspechten nicht sagen kann, sei denn, sie tun so etwas zur Entspannung. Da das aber eher nicht so ist, eher im Gegenteil, trägt das wiederum zu meiner Entspannung bei. Langsam fallen mir meine Augen zu, obwohl es erst Mittag ist, aber in den Ferien schlafe ich öfter mittags, das Nichtstun macht schläfrig. Nach einer Weile, es könnten auch Stunden oder Minuten sein, wache ich auf, weil es unangenehm still ist bis auf ein Geräusch, das klingt wie ein Bär im Winterschlaf, der Asthma hat. Vorsichtig setze ich mich auf und öffne dann erst langsam die Augen. Sofort geht eine Beschimpfungstirade los, die alle Register zieht. Ich höre überhaupt nicht zu und überlege stattdessen, sie meine Mutter hereingekommen ist. Die einfachste Erklärung wäre ein Ersatzschlüssel, aber wieso hat sie den noch nie benutzt? Die zweite Möglichkeit wäre...Ja, so war es. Sie hat mit einer ihrer Akupunkturnadeln die Tür aufgeschlossen. Denn außen vor der Tür liegen mehrere dieser nadeln in verschiedenen Formen, Größen und Farben. Mist, wenn sie nicht wüsste, dass ich immer so tief schlafe, hätte sie das nicht gemacht aus angst davor, dass ich mitten in ihrer Arbeitsphase störe und sie von ihren weiteren Versuchen abhalte. Ich muss mir mal angewöhnen den Schlüssel steckenzulassen. Ich lehne mich gegen die Wand und schließe die Augen, obwohl das natürlich die Folgen hat, dass die Strafpredigt verlängert wird. Die Zusätze oder auch Zugaben sind Sätze wie „Du musst lernen anderen zuzuhören“ und so weiter. Als meine Mutter auch mit diesen Zugaben fertig ist und merkt, dass ich ihr überhaupt nicht zugehört habe, versucht sie es mit ihrer neuen Masche: heulen!

erst geht sie langsam hinaus an den Kuschelbären vorbei, streichelt das Tier ohne das ich früher nicht einschlafen konnte, seufzt, geht zur Tür, öffnet sie langsam. Sie öffnet sie immer Stück für Stück und schleißt sie vor ihren Heulattacken auch wieder genauso langsam, um mir die Chance zu geben sie noch zurückzuhalten. Das tue ich auch manchmal, wenn ich keinen Bock auf ihr Heulbojengejammere habe. Doch heute ist mir das egal. Jetzt ist meine Tür zu. Sie geht dann immer noch relativ langsam über den Flur und ihre Augen füllen sich langsam mit Tränen und sie fängt schon an heftig zu schluchzen. Das weiß ich, weil ich bei einem ihrer ersten „Anfälle“ sie, als sie im Flur war, durch die leicht geöffnete Tür beobachtet und das gesehen habe. Krach! Jetzt hat sie ihre eigene Tür zugeschlagen, denn wenn sie da ist, kann sie die Tränen kaum zurückhalten und muss such beeilen. Und dann geht es richtig los. Sie fängt an zu heulen und damit meine ich eine Art jammernder Gesang. Ohne Musik oder Geräusche unmöglich zu ertragen. Ich greife nach der Fernbedienung und drücke auf den Einschaltknopf und lege mich entspannt zurück. aber ich höre nichts. Ich schaue unwillkürlich auf meinen Wecker, denn in unserer alten Wohnung ist immer einmal in der Woche um 15.00 Uhr der Strom ausgefallen. Dann aber rufe ich mir in Erinnerung, dass wir schon seit 3 Jahren da nicht mehr wohnen. Abe wieso geht die Anlage nicht an? Ich geh zum Fernseher und versuche ihn anzuschalten, aber auch hier passiert nichts. Was ist denn hier los? Nach und nach versuche ich alle elektronischen Geräte in meinem Zimmer anzuschalten und dann passiert nichts. Jetzt erklärt sich auch, warum sie sich noch nicht in ihre Heultrance versetzt hat. Wahrscheinlich lacht sie sich jetzt kaputt, weil ich wie eine Blöde versuche meine Geräte anzuschalten. Ich geh in den Flur und das dort das Licht angeht, bestätigt meine Ahnung. Sie hat mir den Strom abgeschaltet, aber was sie kann, kann ich auch. Langsam schleiße ich meine Zimmertür so leise wie möglich. Ich schleiche über den Flut zur Haustür. Da wir im Erdgeschoss wohnen, ist gleich neben unserer Haustür die Tür zum Keller. Und in diesem ist auch der Schaltkasten für das gesamte Haus. Ich lehne unsere Tür an und öffne die Kellertür. Eigentlich hasse ich diesen Keller, aber um mich zu rächen, nehme ich (fast) alles in Kauf. Mit spitzen Fingern packe ich die Türklinke an und schleiße sie. Dabei entdecke ich eine superfette Spinne. Am Besten gehe ich schnell herunter und bringe die Sache hinter mich. Obwohl die Treppe total krumm getreten ist und man ganz leicht die Stufen herunterfallen kann, packe ich das Treppengeländer nicht an. Das ekelt mich nämlich wie alles andere hier an. Da, ist der Kasten. Igitt, heute nacht hat wieder ein Obdachloser hier unten gepennt und sich genau vor dem Sicherungskasten entledigt. Mit einem großen Schritt steige ich über den dunklen Fleck und  trete in die nächst Scheiße im wahrsten Sinne des Wortes. Diese Mäuse oder sind es Ratten !?! Lieber nicht so genau darüber nachdenken. Jetzt klemmt auch noch dieser blöde Kasten. Okay, jetzt ist er auf. ‚h, wo steht’s denn....Aha... da ... Familie Mitchell. Der ungeklappte Hebel gehört zu meinem Zimmer. Jetzt weiß ich nicht mehr, ob ich meine Anlage ausgeschaltet habe oder nicht. Scheiße! Nochmal hochzugehen und zu gucken ist zu riskant, dann bemerkt meine Mutter garantiert, dass ich unten im Keller war, wenn sie es bis jetzt noch nicht gemerkt hat. Augen zu und durch. Ist sowieso besser, denn gerade seilt sich eine Spinne direkt über mir ab. Ich lege den Hebel um und man hört nichts. Also ist meine Anlage schon mal ausgeschaltet gewesen. Drückt mit die Daumen, dass ich auch mein Licht ausgeschaltet habe. Ich lege die restlichen Hebel um und schleiche mich hoch und unentdeckt in mein Zimmer zurück. Mein Licht war auch aus. Gut, mal sehen. ob sie mir den Stromausfall abkauft. „Schatz, wo bist du ? Weißt du wo die Kerzen sind. Der Strom ist ausgefalllen.“ Okay, dass sie mir den Stromausfall abgekauft hat, ist mir so ziemlich klar gewesen, aber warum sie am hellichten Tag eine Kerze anzünden will, ist mir schleierhaft. Fehlt nur noch, dass sie mit den Kerzen fernsehen will.

23.12.06 18:11, kommentieren

3. Kapitel

Wut

 

Manchmal könnte ich Feuer

speien
Häuser abbrennen
Städte in Brand setzen
Werte zerstören
vor Wut, die Feuer entfacht

 

Ich könnte Wände einreißen.
wie ein Bulldozer
Landstriche niederwalzen
Panzerglas einschmeißen
vor Wut, die alles zerstört

 

Doch stattdessen sitze
ich hier
oder dort oder woanders
mache einen Bruchteil dessen
was ich tun will
vor Wut, die ich bändigen muss

 

I r g e n d w a n n   j e d o c h   i s t   e s   a n   d e r   Z e i t   d i e   W u t   z u   e n t f e s s e l n

 

 

Okay, mittlerweile bin ich schon in der letzten Ferienwoche angelangt, genauer gesagt ist heute Mittwoch und am Montag fängt die Schule wieder an. Ich überlege mir dauernd automatisch Situationen wie ich der neuen Klasse möglichst cool und gelassen gegenüberstehen kann, obwohl ich sowieso im passenden Moment ganz anders reagieren werde. Ich kann es mit aus Erfahrung sehr gut bildlich vorstellen: Ich komme in die Klasse suche mir einen Einzeltisch und wenn keiner da ist setze ich mich neben jemandem, der ziemlich unbeliebt aussieht. Das hat dann den Vorteil, dass alle gleich denken, dass ich „so Eine“ bin und mich zumindest am Anfang ignorieren. Meistens geht die Hänselei erst los, wenn sie sehen wie gut ich bin. Das geht ihnen dann absolut gegen den Strich. Wenn einer ein Außenseiter ist, soll er gefälligst auch schlecht in der Schule sein, sich sozusagen „unsichtbar machen“. Genau aus diesem Grund ignorieren sie mich auch nur am Anfang und dann lassen sie ihre schlechten Launen wegen ihrer schlechten Noten an mir aus. Anfangs nur mit wörtlichen Attacken, sprich Lügen über mich verbreiten usw. Später dann durch tätliche, sprich Prügel etc. Da kann man nur hoffen, dass die erste Phase ziemlich lange dauert und die zweite durch Heulanfälle, beleidigt sein....möglichst lang herausgezögert wird. Naja, jedenfalls nachdem ich mich hingesetzt habe, werden mich die Lehrer in den ersten paar Stunden jeweils erst irgendwann am Ende der Stunde bemerken. Dadurch werde ich irgendwann auch meinen Mitschülern auffallen, die dann um Zeit zu schinden jedem Lehrer erst mal laut durcheinander zurufen, dass sie eine neue Mitschülerin haben. Wenn ich Pech habe, gerate ich dann an Lehrer, die mich dann auf Französisch, Deutsch oder Englisch ausfragen, warum ich denn in diese Klasse geraten bin. Vielleicht habe ich auch das Glück in einer der ersten Stunden den Klassenlehrer zu haben, der mich dann vorstellt, kurz etwas zu mir und über mich sagt und dann Unterricht macht. Natürlich kann es dann trotzdem passieren, dass mich andere Lehrer nochmal ausfragen, aber meistens geht das dann meinen „neuen Freunden“ (ich zitiere meine Mutter) auf den Geist und sie lenken mit irgendetwas anderem ab. Wenn es aber so passiert (der Lehrer stellt mich vor), kann es ebenso gut sein, dass er darauf zu sprechen kommt, dass ich eigentlich eine Jahrgangsstufe jünger bin und dann geht das ganze Theater schon früher los. Eigentlich kann das ja auch bei der „In-den-ersten-Stunden-unsichtbar-sein-Möglichkeit“ passieren. Es wird sowieso schlecht laufen. Sagt jetzt nicht ich sei negativ eingestellt, ich sehe das ganze nur realistisch. Oder soll ich mich wie meine Mutter mir empfohlen hat auf den Boden setzen und mir die Wörter „positive Gedanken“ in den Kopf einbrennen? Das ist nun absolut nicht mein Stil. Dann weiß ich ja wie ich später mal enden werde, ich brauche mir nur meine Mutter und ihre Therapeutenfreundin anzusehen.

Ich denke ja jetzt schon als daran, ich sollte lieber meine paar Tage Galgenfrist genießen. Es ist ja sowieso beschlossene Sache. Während ich das alles denke. laufe ich unruhig durch mein Zimmer, natürlich die Anlage laut aufgedreht und seit neuestem auch mit abgeschlossener Tür, in der der Schlüssel steckt. Ich schaue mich um nach etwas, an dem ich mich abreagieren kann, sehe das ich das ohne wertvolle Geräte zu zerstören nicht kann und schmeiße mich auf das Bett. Ich kann mich aber leider von dem Klassenwechsel emotional nicht lösen. Noch nicht einmal meine Musik hilft mir. Ich lege mich auf den Rücken und „fahre“ mit meinen Beinen ein wenig Fahrrad, mache dann ein paar Liegestütze und andere kleine Übungen. Nach Beendigung meines täglichen Minisportprogramms versuch ich mich mit meinem ebenfalls täglichen Entspannungsritual zu entspannen, aber leider hilft das alles gar nichts. Wenn ich es recht bedenke, bin ich schon ziemlich tief gesunken, wenn ich schon Yoga mache. Aber andererseits machen auch viele ziemlich normale Leute Yoga, also bleibt noch Hoffnung für mich. Das hat es jetzt nun auch gerade nicht gebracht, die Yogaüberlegungen haben mich nur ganze fünf Minuten abgelenkt. Noch nicht einmal meine Mutter kommt und lenkt mich durch ihr Gejammer ab. Seitdem ich meine Zimmertür immer abschließe, kommt sie regelmäßig um sich zu beschweren, dass ich sie immer mehr aus meinem Leben ausschließe. Aber noch nicht mal auf diese Jammerei kann man sich heute verlassen. Das einzige, was heute sicher ist, sind die hämmernden Nachbarn. Aber ziemlich bald werden auch die genervt aufgeben. Ob ich die Anlage mal kurz ausschalte und nachher wieder an, damit sie von vorn anfangen? Abe was mache ich dann in der Zeit, in der alles ruhig ist? Okay, vergessen wir das. Das Problem in den Ferien ist, man kann nichts machen um sich abzulenken. Naja, zumindest kaum etwas, was nichts mit körperlicher oder geistiger Anstrengung zu tun hat. manche Sachen sind zwar in dieser Hinsicht anstrengend UND machen Spaß, aber das sind eher die wenigsten. Oft kann man sich auch mit der Aussicht auf Spaß nicht zu solchen Tätigkeiten aufraffen. Außerdem fällt mir im Moment dazu nichts ein, was ich nicht schon gemacht hätte und das deswegen langweilig ist. Dann muss ich wohl zur allerletzten Möglichkeit greifen und Computer spielen. Normalerweise sitze ich jeden Tag mindestens drei Stunden an meinem elektronischen Freund. In den Ferien noch mehr, das heißt ich habe bis jetzt fast jeden Tag mit kurzen Essens- oder Schlafpausen daran gesessen und dann hat auch der größte Computerfreak keine Lust mehr auf sein geliebtes Spielzeug.

Jetzt sitze ich schon wieder zwei Stunden an diesem Teil und das einzige, was ich gemacht habe, ist Auf-den-Bildschirm-starren und sinnloses Chatten gewesen. Dann kann ich den PC auch genauso gut ausmachen und das tu ich jetzt auch. Wieviel Uhr es wohl ist? Mal nachsehen. 19.25 Uhr. Das ist gut, dann esse ich jetzt Abendbrot, sehe ein bisschen fern und gehe dann ins Bett. Gute Nacht!

 

Heute ist Freitag und gestern hat meine Mutter mit meinem zukünftigen Klassenlehrer telefoniert und ihn nach den Extrawünschen meiner neuen Lehrer gefragt. Meine ehemalige Biolehrerin aus dem letzten Schuljahr zum Beispiel wollte, dass wir bis auf die Arbeit alles mit Bleistift schrieben. Selbst wenn man nur die Merksätze mit einem rotem Ausrufezeichen versah, zwang se uns die „beschmierte“ Seite herauszureißen und nochmal abzuschreiben. Da sie aber schlecht sehen konnte, haben die meisten Schüler nach einer Zeit die Ausrufezeichen extra hineingemalt und sozusagen als eine Art Wettbewerb mit Tipex weggemacht und der Lehrerin als abgeschriebene Seite angedreht. Diese hat das auch bis auf ein einziges Mal nicht bemerkt. Als sie es einmal bemerkt hatte, waren ich und der „Ausrufezeichen“-Typ mit ihr alleine. Also bekamen auch nur wir beide das mit als nach der Durchschauung des Tricks nichts weiter tat .Sie sagte nur: „Naja, so gehts auch.“ Sie verlor kein Wort mehr darüber vor den anderen (vielleicht lag das auch daran, dass sie es wegen ihrem schlechten Gedächtnis vergessen hatte). Ich sagte auch aus zwei Gründen auch nichts, weil zum ersten sie es mir sowieso nicht geglaubt hätten und zweitens gedacht hätten, ich hätte sie verpetzt. Was auch passiert sein würde, sie hätten zweifellos aufgehört meinen Tipex zu verschwenden, sich aber an meinen anderen Sachen vergriffen. Der Junge hatte nichts verraten, weil er nicht bloßgestellt werden wollte, weil die Lehrerin ihn erwischt hatte. Statt dass er einfach erzählt, er hätte das bei jemand anderen beobachtet. Aber er war auch insgesamt ein nicht so schlaues Bürschchen und ist am Ende des Schuljahrs Sitzen geblieben. Falls dieses Jahr auch solche Sonderfälle wie die Frau Biolehrerin dabei sind, hatte also meine Mutter gestern mit meinem KL (= Klassenlehrer) telefoniert. Eigentlich ist das schwachsinnig, ob ich nun heute oder erst und am Montag diese Sachen kaufe, schließlich können mir meine Mitschüler wohl besser die Marotten der Lehrer verraten. Aber meine  Mutter war gleich nach der ersten Begegnung mit meinem neuen KL hin und weg, sodass sie keine Gelegenheit ausließ aus irgendwelchen fadenscheinigen Gründen auf irgendeine Weise zu kontaktieren. Nach einem 45-minütigen Telefongespräch hat sie mir dann mitgeteilt, was ich noch kaufen muss. Meine neuen Lehrer waren allesamt mit einem karierten oder linierten Heft mit Rand zufrieden, bis auf eine Frau B., denn die wollte, das wir immer mit Bleistift  schreiben  und eine Mappe benutzen. Meine Mutter hat natürlich nicht kapiert, dass meine Biolehrerin die 8b und die 8d hatte und behält und erklärte meinem KL, dass ich schon einmal eine Lehrerin hatte, die wollte, dass wir nur mit Bleistift schreiben. Der musste sie ja für total bescheuert halten. Aber ein minimal kleines Lob muss sie nun doch bekommen: Immerhin hat sie bemerkt, dass ich ausschließlich ein einem Fach mit Bleistift schreibe. Das hat die bestimmt in der Zeit mitbekommen, als in jeder zweiten Midlife-Crisis-Zeitschrift als bestes Rezept für die Mutter-Kind-Beziehung stand: Zeigen Sie Interesse an dem, was ihr Nachwuchs tut! Aber dass sie wirklich etwas herausfindet und nicht irgendwann aufgibt ist schon enorm für sie.

Jedenfalls werde ich jetzt in die Stadt gehen und einige Dinge kaufen. Dann werde ich zwar wieder dauernd daran denken, aber wie ich in den letzten paar Tagen festgestellt habe, tu ich das sowieso ununterbrochen. Der Vorteil an der Stadt ist, dass ich manchmal minutenlang von meinen Gedanken abgelenkt werde. Also los! Am Besten gebe ich auch eine kleine Beschreibung, während ich in der U-Bahn sitze. unser Haus steht ziemlich nah am Stadtrand. Es ist so weit, von ihr weg, dass wir den Gestank und Lärm der nicht weit entfernten Industrieorte hautnah mitbekommen, aber auch wieder so nah dran, dass wir den Stadtlärm und –gestank ebenfalls mitabbekommen. Wenn irgendwelche giftigen Gase oder ähnliches auftreten, sind wir die ersten, die „ihre Fenster und Türen geschlossen halten“. Das alles bedeutet, ich muss zwei Straßen weitergehen und in die U14 (eine U-Bahn natürlich) einsteigen und durch den schlechtesten Teil unserer Stadt fahren. Vorbei an den Wohnwagensiedlungen und abbruchreifen Häusern, und an der 7. Station aussteigen.

 

 

23.12.06 18:13, kommentieren